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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 1 · p. Seite 15

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 1
Article
Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
Date
1935-01-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grandlagen der Wissenschaft des Judentums Geschichte und Literatur, ergreifen kann26). Damit ist jede apologetische Gefahr von dieser Wissenschaft ferngehalten. Zugleich aber gewinnt man die Freiheit, die Quellen — soweit man sie im Jahre 1819 in den Blick bekommt — in ihrem ganzen Umfange zu würdigen. Darüber darf auch die Tatsache nicht hinwegtäuschen, daß der Talmud nicht besonders hoch eingeschätzt wird. Prinzipiell war hier von einem Kreise, der übereinstimmend den „reinen Mosaismus“ liebt und verherrlicht, der Talmud als geistiger Ausdruck des Judentums mit anerkannt. Moser schreibt weiter: „Wie nun geschickt und. weise an den gegenwärtigen Standpunkt anzuknüpfen sei, ist eine zweite Betrachtung, die wir anzustellen haben werden. Der ganze wirkliche Kulturzustand der Nation wird hierbei in Erwägung gezogen werden müssen, und eine diesen Gegenstand von allen Seiten beleuchtende Darstellung desselben eine der wichtigsten Aufgaben sein, die der Verein sich vorsetzen muß. Da die Juden, aus Ursachen, die in dem zugrunde liegenden alten theoretischen System zu suchen sind, jeden Gegenstand des Lebens in das religiöse Gebiet hinübergezogen haben, so wird in einem solchen Entwürfe die Betrachtung der Religion die Hauptsache sein, an die sich alles übrige anreiht. Die Bibel und der Talmud sind die beiden Bücher, auf die man hierbei notwendig zurückgehen muß; und zwar ist es nicht ihr wesentlicher Inhalt allein, der alles befriedigend erklärt und begreiflich macht, sondern die Geschichte des Studiums derselben, die Art wie sie aufgefaßt, verstanden und angewendet worden sind, muß mit berücksichtigt werden. Da aber die Bibel unbedingt, der Talmud wenigstens vorläufig und in gewissen Beziehungen dem neuen Gebäude zur Grundlage dienen muß, so wird in jedem Fall eine genaue sorgfältige Sichtung des darin gegebenen Stoffes nach seiner verschiedenen Brauchbarkeit erforderlich sein. So enthält z. B. die Bibel zum Teil Geschichte der Vorväter, die ein unvergängliches Eigentum der Nation sind, welches der weniger selbstsüchtige, auf die Gegenwart beschränkte Mensch, nicht so leicht aufgibt und das manchem schon ein mächtiger Beweggrund gewesen, den Standpunkt, wohin die Geschichte ihn gestellt, nicht zu verlassen, durch den Reiz, den große nationale Erinnerungen der Vorzeit auf edle Gemüter ausüben. Ferner enthält die Bibel zum Teil morgenländische Poesie, die bald die Seele im erhabenen Schwung der Begeisterung fortreißt, bald das Gemüt zu reiner gottseligen Andacht stimmt, bald ins stille patriarchalische Leben einführt, in jenen heiteren Kreis, wo das rein menschliche eben als solches dem göttlichen näher ist; oder als bedeutungsvoller Mythos uns anspricht und mit der ältesten Weltanschauung vertraut macht. In der Bibel sind uns drittens aufbewahrt Lehren und Aussprüche der reinsten und erhabensten Religion; ein kostbarer Schatz uralter Weisheit, an den wir uns vorzüglich halten, den wir vor allem hervorheben müssen, um von diesem zugleich durch die höchste Autorität geheiligten Standpunkte aus für unsere höchsten Zwecke zu wirken. Viertens haben wir in der Bibel Vorschriften von Gebräuchen und Gesetzen für einen bestimmten Staat, Zeit und Klima, deren ferneres Bestehen zum Teil in größerem oder geringerem Widerspruch mit den Forderungen der neuen Zeit und neuen Verhältnisse wäre, zum Teil aber auch mehr oder minder wichtig zur Erhaltung einer Nationaleinheit ist, wie diese auch nach der richtigsten Idee gedacht werden möge. 26) Immanuel Wolf freilich (Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums, 1822), sucht dieser Substanz des Judentums eine Idee als Inhalt zu geben, die Idee der „unbedingten Einheit im All“; — daß er trotzdem die Wissenschaft des Judentums dann so umfassend beschreiben kann, liegt an dem weiten Umfang und der geringen Bestimmtheit dieser Idee. Zum Ansatz einer Wissenschaft des Judentums ist die Annahme eines eindeutig bestimmten Ideengehalts des Judentums nicht nötig. Das schließt nicht aus, daß diese Wissenschaft dann a posteriori die charakteristischen „wesentlichen“ Strukturen herausarbeitet. 15

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