Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums unsere Nation krankt, ist wohl dieses, daß eben in dem Teil der Nation, der sich bereits von den alten Banden ganz oder zum Teil losgemacht hat, der nicht mehr in dem engen, dunklen Gesichtskreis gebannt ist, in den sich die Nation viele Jahrhunderte lang gehüllt hat, die mindeste Erweiterung desselben, den geheimsten Blick in die von außen matt hindurehschimmernde Helle als strafwürdigen Frevel gegen das Heiligste verdammend, oft in diesem Teil der Nation so wenig Einheit herrscht, oft die Bestrebungen in den verschiedensten Richtungen abschweifen und sich zerstreuen, daß die Blicke überall schwankend umherirren, und der einzelne in den traurigsten Zwiespalt mit sich und der Außenwelt gerät, weil der Mittelpunkt fehlt, worin sich die von dem alten Stoff losgerissenen Kräfte wieder vereinen und zu dem neuen auf den Ruinen des alten zu errichtenden der Menschheit heiligen Gebäude energisch und bewußt mitaxbeiten können.“ Auch hier tritt wieder klar hervor, was wir oben mit dem Terminus Substanzialität des jüdischen Menschen zu bezeichnen versuchten. Für die äußere Lage des jüdischen Menschen schlechthin wäre es besser, den Freitod zu wählen; mit ihm wäre der alte Judenschmerz am schönsten aus der Welt geschafft. „Dieses Ziel“ zu erreichen, wäre für die Nation „ein bedeutender Schritt vorwärts“. Aber wäre er es auch für die Sache der Menschheit, „jenes höhere Ziel“? Wie hier zu dieser Frage Stellung genommen wird, das bezeichnet die ganze Wandlung der Anschauung, die sich in den 20 Jahren seit Friedländers Sendschreiben an Teller vollzogen hat und in einem Kreise zum Ausdruck kommt, der Friedländer wie einen lebenden Anachronismus zum Mitgliede zählt23). Jenes höhere Ziel läßt ein sang- und klangloses Aufgeben des Judentums nun nicht mehr zu. Wohl muß die ganze bürgerliche Existenz der Juden in Einklang mit dem Staate gebracht werden; dort aber, wo es um das ganz Spezielle und Individuelle der jüdischen Existenz geht, dort kann es keinen Ausgleich des Gegensatzes geben24). Daß das Spezifische des Judentums in der Moserschen Darstellung real sich als Religion zu erkennen gibt, darf eines nicht verkennen lassen: Wir haben es hier — bei dem „Nationalreligiösen“ — nicht mehr mit einer bloßen Konfessionalität zu tun. Man wird eher an einen Ausspruch Rankes erinnert: „Die Idee der Menschheit, Gott gab ihr Ausdruck in den verschiedenen Völkern“25). Die metaphysische Substanz des Jüdischen ist als nicht negierbares Faktum angenommen. Es ist zu beachten, daß über eine inhaltserfüllte Bestimmung dieses Faktums, über seine Structur in unsern vorliegenden Quellen nichts ausgesagt ist. Man hat nunmehr au.ch die erste Handhabe für den Begriff einer Wissenschaft des Judentums gewonnen. Erst wenn nicht mehr eine Idee, inhaltlich bestimmt, das Wesenhafte des Judentums ist, kann die Freiheit den Quellen gegenüber gewonnen werden, die das historische Bild des Judentums bestimmen. Die Quellen des Judentums sind nun Funktionen geworden, Funktionen eines gefühlten Wesenhaften, das man aber nur an diesen Funktionen, der jüdischen 23) Vereinsprotokoll vom 16. Februar 1822. 21) Hegel stand zu dieser — Mendelssohnschen — Position nicht im direkten Gegensatz. Vgl. Philosophie des Rechts, § 270. (Ausg. von Gans 1833, S. 332 ff.), auch Rosenzweig: Hegel und der Staat, 1920, Bd. II, S. 186. -b) Zur Geschichte Deutschlands und Frankreichs im 19. Jahrhundert, sämtl. Werke, Bd. 49—50, S.72.