Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums zu organisieren habe, war damit nicht gemeint, aber für den noch zu behandelnden Gedanken der aus der einmal gesichteten Substanzialität geforderten säkularisierten Arbeit am Judentum ist dieser Ausdruck sehr bezeichnend.) Wenn wir im folgenden Auszüge aus dem Moserschen Memorandum22) zum Abdruck bringen, so sind wir uns dessen vollauf bewußt, daß wir in unsem Anmerkungen an wichtigen Fragen vorübergehen müssen, um in unserem Rahmen eine Linie bestimmter hervortreten zu lassen (Staatsauffassung der Zeit und die Juden, Staat und Kirche in der geistesgeschichtlichen damaligen Situation und die Auswirkung auf die Juden; all das sind Fragen, auf die hier nur hingewiesen werden kann): „Beförderung der (sich wechselseitig bedingenden) äußeren und inneren Kultur unserer Nation ist unser Streben. Hiezu gehört theoretische Ergründung des Gegenstandes und praktisches Ausführen der aus derselben hervorgehenden Entwürfe. Hiemit will ich nur im allgemeinen die Notwendigkeit eines engeren und weiteren Vereins angedeutet haben, die nähere Feststellung dieses Verhältnisses künftigen Beratschlagungen anheimstellend. Was die innere Kultur unserer Nation betrifft, so wird unser Verein, wenn er sich mit diesem Gegenstand beschäftigt, wie natürlich die zwei Punkte im Auge haben müssen, den gegenwärtigen Standpunkt derselben genau zu erfassen und das Ziel, wohin sie zu führen sei, fest und unwandelbar zu bestimmen. Letzteres ist, notwendig als Ideal der Menschheit betrachtet, eine unendliche Aufgabe, und eine solche muß allerdings vorschweben; aber für unser unmittelbares Wirken wird sich ein enger begrenztes Feld finden, ein näher liegendes Ziel uns aufgestellt seyn in dem Gegensatz der jüdischen Kultur mit der allgemein europäischen, oder wenn Sie lieber wollen, der christlichen. Eine völlige Aufhebung desselben erstreben, hieße freilich nichts anderes, als in den Gesichtspunkt vieler Zeitgenossen eingehen, die den Uebergang zum Christentum als unser einziges Heil betrachten und über jedes andere Bestreben das Verdammungsurteil aussprechen. Diese Denkungsart ist nicht die unsrige. Wir verkennen zwar nicht, daß mit der Erreichung dieses Ziels in vieler Hinsicht ein bedeutender Schritt vorwärts für die Nation (die alsdann eine solche zu sein aufhörte) getan wäre; aber jenes höhere Ziel im Auge ist uns eine andere, größere Anstrengungen fordernde Richtung vorgeschrieben. Nur soweit diese beiden Richtungen zusammenlaufen, soweit ist Aufhebung des Gegensatzes geboten. Hier zeigt sich uns eine der gefährlichsten Klippen, denen wir in unserer Laufbahn begegnen werden, und die furchtvolle Gefahr wird uns bei demjenigen Teil der Nation, auf und für den wir vorzüglich wirken wollen, ein größeres Hindernis sein, als die Gefahr selbst. Die beiden Richtungen laufen aber zusammen, insoweit das Mißverhältnis in dem der Kulturzustand unserer Nation mit dem Staate ist (der Sinn, in welchem ich das Wort hier nehme, bedarf wohl keiner Erklärung), aufzuheben ist; und sie trennen sich wieder, insoweit national-religiöse Bildung auf der einen Seite, kirchlich-religiöser auf der andern gegenübersteht. Mit anderen Worten: das ideale Judentum muß uns erscheinen als völlig ausgesöhnt mit dem Staate, soweit dieser nämlich durch bürgerliche Kultur bedingt ist, aber im entschiedenen Gegensatz mit der herrschenden Kirche als solcher und in Hinsicht ihrer Dogmen. Diese Idee, als der Grundlage unseres ganzen Bestrebens, scheint vor allen anderen einer vollständigen Entwicklung, sorgfältigen Beleuchtung und sicheren Begründung zu bedürfen, und sie dient nicht allein dazu, daß wir uns selbst unseres eigentlichen Zweckes klar bewußt werden, sondern bei der Verschiedenheit der in Beziehung auf sie bei unsern Glaubensgenossen herrschenden, oft so ganz entgegengesetzten Ansichten, wird das bestimmte Aussprechen derselben das allererste sein müssen, was dem Verein bei seinem Heraustreten aus sich selbst obliegen wird. Denn das größte von allen Uebeln, an dem 22) Vorgelesen am 7. November 1819. 13