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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 1 · p. Seite 12

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 1
Article
Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
Date
1935-01-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums das seine Erfüllung ebenso verlangt, wie das Wissen, daß man in eine äußere Welt unmittelbar gestellt ist. Es ist schon hier festzuhalten, daß nunmehr eine Substanzialität des jüdischen Menschen angenommen wird, die jenseits der Zeit und jenseits jeder Aufklärung und Rationalisierung steht, ein „bleibendes Sein“. Nicht mehr wie zur Zeit der Aufklärung eine Frage des „Wie“ des jüdischen Menschen ist die Frage des Judentums, der jüdische Mensch muß nach seinem „Was“ befragt werden — so hat es nachher Eduard Gans ausgesprochen, gegen oberflächliche Emanzipierungsversuche auf die tiefere geschichtsmetaphysische Fragestellung verweisend. Das „Wesen“ der Juden kann nicht durch Ideen der Vernunftreligion dargestellt sein, es verhält sich aber auch zur Welt nicht so, daß es sich im Gesetz die eigene Lebenssphäre sichert. Wenn wir die Stellung der Kulturvereinler zur Religion bezeichnet haben werden, wird uns dann noch klarer werden, wie hier durch diesen neuen Substanzbegriff des jüdischen Menschen auch über Mendelssohn hinaus ein Schritt vollzogen ist. Diese Antithetik findet sich in allen Gedankengängen der Mitglieder des Vereins, daß nämlich das jüdische Wesen ein Ganzes ist, daß dieses Ganze aber auch zugleich ungeteilt in die Welt sich zu werfen habe; in manchen Bildern der Gans’schen Reden kommt das erst recht deutlich zum Ausdruck. Die hier gesetzte metaphysische, eben „wesen“hafte Substanzialität des jüdischen Menschen schult von sich aus wieder den Blick für die historische Realität des Phänomens Judentum21), gibt der Wissenschaft des Judentums den ersten Angriffspunkt; zugleich aber muß sie den Blick auf die bestehende Realität der Juden vergleichend lenken und auf die Notwendigkeit, daß jüdische Menschen, die die jüdische Psyche kennen, all die Arbeit leisten, die der jüdische Mensch braucht. List betont es noch an anderer Stelle, daß man für die Juden nur durch die Juden wirken könne; und bei Moser steigert sich das bis zu dem Ausdruck, daß man in der Arbeit für das Judentum den Staat „zu ersetzen“ habe. (Der Ausdruck klingt nur so tollkühn; viel mehr, als daß man von jüdischer Seite die Bildungsarbeit der Juden 21) Wollte man philosophie- und ideengeschichtlich diesen sehr komplexen Sachverhalt in der Entstehungszeit der jüdischen Wissenschaft weiter verfolgen, so ließen sich zwei Motivationszusammenhänge aus der Zeitlage heraus mit gleicher Berechtigung aufweisen. Es ist — wie oben angedeutet — möglich, ■daß von der idealistischen Philosophie und ihrer Einsicht ausgegangen wird, daß hinter den Dingen das Reich der Idee steht, das sich in den Fakten der Geschichte „spiegelt“. Dann ging von den Systemen der idealistischen Metaphysik die Forderung aus, sich nun auf dem Boden der Realität in Form der wissenschaftlichen und sozialen Arbeit an jenem Phänomen Judentum, das auch seinen geschichtsmetaphysischen Ort haben muß, zu betätigen. — Bei manchen Mitgliedern mag aber die Richtung eine umgekehrte gewesen sein. Sie gingen dann wohl von den Werten aus, die die Romantik und die „historische Schule“ zu sehen gelehrt hatten; etwa von Werten wie dem „Lebendigen“ und „Eigentümlichen“, „Volkstümlichen“ und Nationalen“, „Historisch-Gewordenen“ und „Sinnlich-Kräftigen“. (Vgl. die Liste solcher Werthaltungen in der historischen Schule bei Rothacker a. a. O., S. 46.) Von hier aus empfing dann das Judentum seine Substanzialisierung in dem uns oben begegnenden Sinne. Es ist notwendig, diese zwei Möglichkeiten, die theoretisch sich entgegengesetzt sind, zu beachten, wenngleich ein Resultat und im Ausdruck dann eine Scheidung der beiden Linien nicht möglich ist. 12

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