Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums selbst, meine Freunde, nicht den unwiderlegbarsten Beweis dieser Wahrheit? Was aber von uns hier gilt, muß auch von tausenden unserer Mitbrüder gelten, und so hätten wir denn eine wahre Idee von unserer inneren Einheit, und diese zu verallgemeinern oder äußerlich möglich zu machen, soll unser Streben sein, wollen wir zum letzten Zweck unsers Vereins setzen. Diesen Gesichtspunkt müssen wir nie aus dem Auge verlieren, obgleich wir uns von ihm hin und wieder entfernen dürften. Daher muß z. B. die intellektuelle, industrieuse und bürgerliche Verbesserung der Juden, so wohltätig sie auch wäre, dennoch nur als notwendige Folge, also als Nebenzweck betrachtet werden. Denn dergleichen ist Sache der gesamten Menschheit und Pflicht der Regierungen, unter welchen Juden leben. Uns aber muß nichts so sehr am Herzen liegen, als die Integrität der Nation, und, um diese zu erhalten, dürfen wir keines Opfer scheuen, wenn es uns anders ein Ernst um die Sache ist. Jeder Aufwand von Kraft und Mittel zur Erreichung eines solchen Zweckes kann eigentlich nur Verdienst um die Nation genannt werden, alles andere hingegen wäre etwas unwesentliches, weil ich mich auch um jeden Nichtjuden, der dergleichen bedürftig wäre, auf solche Weise verdient machen kann. Als Juden muß uns auch unser nationeller Wert über alles gehen, sonst ist es nicht ein Pfifferling wert, daß wir uns so nennen lassen. Wozu ein eigensinniges Verbleiben bei etwas, das ich nicht achte und worunter ich so sehr leide? Ueberhaupt muß es dem Rechtschaffenen äußerst verhaßt sein, etwas bloß dem Namen nach auszumachen, und hat er sich gleich diesen Namen nicht selbst gegeben, so ist er es ja, der da fortfährt, ihn beizubehalten, und dies gilt immer für freiwillige Uebernahme; die fortbestehende Firma bleibt immer Gewährleistung des Hauses, das sie führt, mag der Prinzipal oder Disponent desselben sein, wer da wolle. Der höchste Grad der Aufklärung ist ebenso wenig das Positive zu verwerfen, als es die höchste Aufgabe der Vernunft sein kann, die Sinnlichkeit zu vertilgen. Beides muß nebeneinander bestehen können, nur in Kollisionsfällen die Entscheidung der selbständigen oder freien Person überlassen bleiben. Sind wir von dieser Wahrheit überzeugt, und ist es das Wesen der Nation, das uns für sie zu einem großen Verein auffordert, so ist der Zweck nationell, sonst ist er etwas Fremdartiges, und wir verlieren uns ins Unendliche. Man glaube aber deswegen ja nicht, als wenn dieser heilige Zweck alles übrige, das der Verein zum Wohle der Nation tun könne, ausschließen soll, nein, das wahre Wohl der Nation ist von ihrem wahren Wesen vielmehr unzertrennlich, sonst verdient dieses seinen Namen nicht. Nur muß für unseren Verein jenes diesem untergeordnet sein. Und diese Aufgabe ist wahrlich die schwierigste, die wir uns als Juden setzen können. Sie erfordert eine Gemeinkraft von großer Extension und Intension. Demnach ist es unser erstes Augenmerk, sobald wir unter uns einen Verein zu obigem Zweck geschlossen haben, a) demselben die höchstmögliche Ausdehnung zu verschaffen und b) dahin aus allen Kräften zu arbeiten, daß unsere Volkstümlichkeit wieder in ihrer ganzen Würde hergestellt, und daß als das erste unumgängliche Erfordernis hierzu, der die Nation entstellende und erntartende Rabbinismus gänzlich gestürzt werde. Ad cerachte ich als notwendig für unsere nächste Zusammenkunft, 1. daß jeder von uns in dieselbe eine Art von Charakteristik unserer Volkstümlichkeit, und 2. Angabe der Mittel, wie die in b aufgestellten Postulate anzufangen und auszuführen seien, mitzubringen.“ Es wird eine unserer Aufgaben sein zu skizzieren, wie der Verein den inneren Widerstreit, der in diesem Dokument zum Ausdruck kommt und den man nur als tragisch bezeichnen kann, zu überbauen oder, wie er es meinte, zu lösen versuchte20). Recht eigentlich wird wertend, mit Bestimmtheit wertend, nach keiner Seite hin ethisch Stellung genommen; und dort, wo das Ethos sich stark nach der Seite der Aufklärung neigen kann, weil ja die Welt auf jeden, der in ihr fühlend und handelnd steht, einen „Anspruch“ erheben kann, sich dem Allgemeinen ganz zu schenken, dort meldet sich das Ueberzeitliche, Seiende und Geltende des „Wesens“, das man in sich trägt, 20) Vgl. weiter unten S. 22. 11