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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 1 · p. Seite 10

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 1
Article
Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
Date
1935-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums 3. die Religion. Wir sahen alle nach einem Himmel, und verloren uns nicht in das Vielfältige Irdische. Sehen wir nun gleich hieraus nicht, daß wir jemals eine Einheit, aus und wegen einer Idee, wirklich entwickelt, und noch weit weniger einen eigentliehen Verein zur Erreichung irgendeines gemeinschaftlichen Zweckes ausgemacht haben, so müssen wir doch wenigstens eingestehen, daß wir ein gewisses Einerlei gehabt. Denn selbst das blinde Halten an die Religion unserer Väter hatte nicht den ihr vorgeschriebenen großen Zweck לטוב לכו להיותנו 18 כיום הזה), sondern ein eigensüchtiges 19למום לי לחיותי לעולם הבא) — aber auch dieses Einerlei ist jetzt m seinen Gründen erschüttert. Wir schließen uns nicht mehr so aus, und werden nicht mehr so ausgeschlossen, als vormals. Es löset sich daher immer ein Mitglied nach dem andern von der Masse, und ihr droht endlich eine gänzliche Auflösung. — Unsere innere Teilnähme, die sonst großenteils auf unsere Glaubensbrüder beschränkt war, hat sich ungemein erweitert, teils durch Aufklärung, die überhaupt das Menschenrecht von dem Bekenntnisse trennt, teils durch natürliche Sympathie bei der näheren Bekanntschaft mit menschenfreundlichen Nicht-Juden, und teils durch augenscheinliche Verminderung des äußern Druckes und Leidens. Unsere tätige Menschenliebe gewinnet mit jedem Tage ein größeres Gebiet, und wem wir Gutes tun, dem müssen wir auch Wohlwollen; wir verlieren uns daher immer mehr unter die größere hilfsbedürftige Menge, statt der ausschließenden Teilnähme an den Bedürfnissen der Nationen. Unser Menschliches kennt keine äußern Grenzen mehr und will sich daher auch von Innen nicht bloß aufs Nationelle beschränken lassen. Je ungeteilter der innere Mensch sich erkennt, desto zahlreicher erscheinen ihm die Teile der äußeren Welt, die alle einen rechtmäßigen Anspruch auf ihn haben. Jeder Vernünftige zieht, besonders in praktischer Hinsicht, den sicheren Boden seiner Hütte dem losen Grund eines Luft- Schlosses, die bestehende Sitte seines Landes der eingebildeten Heiligkeit entfemter Gegenden, und die erkannte Wahrheit der geglaubten Hoffnung vor. Dies ist natürliche Folge der entwickelten Vernunft, und wohl uns, wenn unser altes Einerlei sich auf solche Weise in ein vernünftiges Vielerlei auflösete! Auch unsere ehrwürdige Religion muß nicht allein wegen des oben erwähnten erkannten Verfehlen ihres sowie jeder positiven Religion aufgestellten Zweckes, sondern noch besonders, wegen der Strenge ihrer äußern Gesetze, endlich ganz auf hören, ein Band der Nation zu sein. Das eigensinnige Festhalten von der einen Seite sowie das leichtsinnige gewaltsame Losreißen von der anderen Seite hat seit geraumen Jahren innere Spaltung und äußere Trennung hie und da schon wirklich zur Folge gehabt, und die mit der Zeit immer größer und auffallender werden müssen. Das Göttliche, welches die Tochter des Himmels in ihrem Busen trägt, gibt uns keine Nahrung mehr, und wir werden das Opfer des Hungers oder der Uebersättigung. So eilt denn Israel überall seinem Untergange entgegen, der bei solchem Bestand der Dinge früher oder später notwendig erfolgen muß. Ich sage ״bei solchem Bestand der Dinge“, weil dieser nur es ist, der in der Zeit sich erzeugt hat, und was diese zur Mutter hat, trägt von der Stunde der Entstehung an den Keim des Vergehens in sich seiber. Allein, meine Freunde, wir fühlen und erkennen, daß das, was unserer Nation eigentümlich ist, unsere reine Nationalität, keine bloße Frucht der Zeit, keine vorübergehende Erscheinung ist. Unser vergängliches Aeußere soll uns unser ewiges Innere, dessen wir uns selbst am überzeugendsten bewußt sind, keinesweges streitig machen; wir erkennen ein Wesen in uns, ein bleibendes Sein. Und weil wir wissen, daß wir sind, wollen wir uns erhalten, und weil wir uns erhalten wollen, müssen wir uns erhalten. — Wir haben also eine klare Idee unseres Daseins, und zwar unseres gemeinschaftlichen Daseins, weil wir sonst nicht mehr wir, also gar nichts wären. Nun ist es aber das Eigentümlichste der Idee, daß das Notwendige in ihr zugleich möglich, und das Mögliche zugleich notwendig ist. Fühlen wir nun innere Notwendigkeit unseres Fortbestandes, so ist die innere Möglichkeit desselben unleugbar. Und machen wir 18) ״auf daß es uns gut gehe und wir am Leben erhalten bleiben wie an diesem Tage“ (Deut. 6, 24). (Wir kopieren genau das Ms. auch in der Wiedergäbe des Zitats.) 19) ״auf daß es mir gut gehe und ich mich erhalte für die Welt des Jenseits. 10

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