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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 1 · p. Seite 9

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 1
Article
Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
Date
1935-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums moment hat er wohl mehr impulsiv gewirkt17). Die Schreiben von Joel Abraham List und von Moser gehen viel breiter aufgebaut an die Fragen heran. Aus ihnen werden wir im Folgenden größere Teile zum Abdruck bringen, und es seien diesen Auszügen noch einige speziell einleitende Worte vorausgeschickt. Das aufregende Widerspiel zweier Motive in der Sozial- und Staatsphilosophie zu Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts hat uns Friedrich Meinecke in seinem oben zitierten Werke geschildert. Was wir in den Dokumenten Lists und der anderen Vereinler sehen, ist in ihren Qrundzügen dieselbe Problematik, übertragen in das Innere der Judentumsproblematik. Das Ringen der nunmehr absinkenden naturrechtlich en-kosmopolitischen Tendenzen mit den in unsrer obigen Skizze schon angedeuteten national-individualistischen Tendenzen findet jetzt auch innerhalb der Gedanken über das Judentum statt; das Ringen auf dem großen geistesgeschichtlichen Grunde der Philosophie des deutschen Idealismus zittert bis in die uns vorliegenden Dokumente nach. Aber während „draußen“ jener Philosophie eine viel konkretere Wirklichkeit entsprach und sich daher jener Kampf auf dem Boden dieser Wirklichkeit von der ethischen Frage „Kosmopolitismus — nationaler Individualismus“ zu der politisch-organisatorischen „Kosmopolitismus — nationaler Staat“ zuspitzen konnte, blieb bei den über das Judentum Nachdenkenden die Frage in einer viel gefährlicheren Allgemeinheit. Hier, für das Judentum, war die Frage nur in der ersten Form möglich und das hieß sie so stellen: Aufgehen des Judentums in der Welt oder Bestand des Judentums als eigenwertige Individualität; denn es ist doch zu bedenken, daß theoretisch — aber insbesondere für die persönliche Entscheidung — Tod und Leben des Judentums den Juden der damaligen Epoche in die Hand gegeben schien; so stellten sie die Frage: Was ist wertvoller? Daß wir in uns beharren oder daß wir uns auflösen? Ist Hingabe an das Umfassendere, Allgemeinere die höhere Forderung des Handelns oder spricht Wertigeres im Bleiben sich aus? In einem Schreiben von J. A. List, das am 7. November 1819 vorgelesen wurde, finden wir: „... ad b) scheinen wir bei der Frage: Ist ein Verein unter den Juden notwendig, dunkel gefühlt zu haben, daß wir einzeln in der Folge entweder gar nicht oder doch wenigstens nicht so werden bestehen können, wie wir es wünschen und es von uns gefordert werden dürfte. Gesetzt nun, wir fühlten, daß wir einzeln werden hinfort gar nicht bestehen können, so dringt sich uns notwendig die Frage auf: Wie haben wir denn bis jetzt bestanden? Hierauf können wir wohl schwerlich etwas anders antworten, als daß wir auch nach unserer Verbannung bis auf die neuere Zeit gewissermaßen vereint gewesen, zuletzt aber getrennt worden seien. Die Untersuchung also: worin denn eigentlich unsere bisherige Vereinigung bestanden oder was das frühere Band unserer Nation ausgemacht habe, muß uns zu vorderst von der äußersten Wichtigkeit sein. Hierauf glaube ich, im allgemeinen und so kurz als möglich folgende drei Gründe angeben zu können: 1. Die Ausschließung von allem, was uns hätte zerstreuen können. Wir blieben zusammen wie eine Herde von außen eingehürdet. 2. Das rein Menschliche, welches immer gemeinschaftliches Mitleiden mit gemeinschaftlichem Drange erzeugt. Wir hielten zusammen, wie etwa die Einwohner einer belagerten Festung. Und 17) Vom 22. November 1819 findet sich dann schon ein ausführliches Skriptum aus der Feder von Gans. 9

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