Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums daraufhin angelegt, daß untersucht werden kann, wie die Vernunft sich in ihr ausdrückt. Dieses „in“ bezeichnet am eindeutigsten die neue Richtung des Suchens. Ist die neue geistige Haltung die des Aufsuchens der Vernunft in den Phänomenen, des Forschens nach dem, was geistig in den Phänomenen sich manifestiert, so ändert sich mit dem Gewinn dieser neuen Haltung grundsätzlich auch die Stellung zu dem Phänomen der Geschichte. Dem Rationalismus der Aufklärung können die „zufälligen Geschichtswahrheiten“ niemals zum Beweise von „notwendigen Vernunftwahrheiten“ werden. Nun fängt die Zufälligkeit der Geschichtswahrheit an zu reden, weil auch in den „zufälligen“ Bedingungen einer geschichtlichen, einmaligen Gegebenheit eine geistige Wirklichkeit sich ausspricht, der Geist sich ausspricht und an der zufälligen und einmaligen Tatsache abgehorcht sein will. Es ist hier nicht der Ort, auf die Entwicklung des Geistbegriffs von Montesquieu bis Hegel einzugehen; aber ein drittes Denkmotiv verdient hervorgehoben zu werden, das problemgeschichtlich im Zusammenhang mit den beiden obengenannten Ausdrücken neuer Haltung zusammenhängt. Dieses Motiv kommt gefühlsmäßig am stärksten bei den Romantikern zur Geltung, dann aber auch in der ganzen Breite der Zeit, auf die die Romantiker gewirkt haben. Wir meinen die neue Form des Ringens um die Wirklichkeit des Individuellen. Für Kant noch bleibt das Problem des Individuellen ein Problem, das nur durch das regulative Prinzip des Zweckes einer Bewältigung angenähert werden kann. Damit entzieht sich das Individuelle freilich eben auch einer Eigenwertung, eben einer Wertung als Individuum. Die Wendung des nachkantischen philosophischen Denkens von Metaphysik und Methodenlehre der Erkenntnis zur Weltanschauungslehre, die den Sinn der uns gegebenen Welt ausdeuten will, wird gerade am Problem des Individuellen klar erkennbar. Ist Sinndeutung der Gegebenheit, in die sich der Mensch hineingestellt fühlt, Aufgabe der Erkenntnis, dann muß das individuell Gegebene, weil seine Bedeutung für den Menschen gesehen wird, eine ganz andere und gewichtiger^ Bewertung erhalten. Es ist einzusehen, daß eine solche Bezogenheit der Welt auf den Menschen, so daß jedwede Tatsache ihn anspricht, nicht möglich ist, wenn nicht wiederum durch den übergreifenden Begriff des Geistes die Gewähr dafür gegeben ist, daß in jedem Einzelnen, Individuellen sich etwas metaphysisch Seiendes ausspricht. Im Zusammenhang mit diesem neugewonnenen Wertblick und seinen erkenntnismethaphysischen Gründen steht auch die Schätzung, die nunmehr neben der Einmaligkeit der Person die geschichtlichen Individualitäten, die geschichtlichen Ganzheiten, die Völker und ihr individueller Geist, erfahren. Die veränderte Position wird in den Gedankengängen der Kulturvereinler sichtbar. Die Gründungsmemoranden des Vereins sind uns in einem Konvolut des Zunzarchivs erhalten geblieben16). Gans muß wesentlich durch seine Persönlichkeit und sein Temperament gewirkt haben, seine Stellungnahme wird uns aus einer großen Anzahl von Niederschriften bekannt, aber im Gründungs- 16) Bezeichnet mit der Handschrift von Eduard Gans: „C. Berichte und Mitteilungen einzelner Mitglieder.“ Dort findet sich auch das Manuskript über die Angelegenheit des Professors Erb eingeheftet. 8