Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums gründung in der Wohnung von Joel Abraham List10). Gans bringt die Gründung zustande; er hat schon in Heidelberg und auf seinen Reisen viel über das Judenproblem nachgedacht und meint, daß für einen Kulturverein der Juden in ganz Deutschland Interesse herrschen würde11). Wichtig scheinen für ihn auch die Gespräche mit dem Heidelberger Professor Erb12) über diese Fragen gewesen zu sein; denn in den späteren Vereinsdiskussionen wird eifrig darüber verhandelt, wie und ob man die Verbindung mit Erb suchen solle. Die Namen der sieben Teilnehmer an der Gründungssitzung sind nach einem Aktenstück des Zunz-Archivs: Josef Hi 11 mar13), Joel Abraham List, Isaac Levin Auerbach, Isaac Marcus Jost, Leopold Zunz, Dr. Eduard Gans, Moses Moser. Hillmar übernimmt vorerst die Präsidialgeschäfte, Moser das Sekretariat. In einer Reihe von schriftlichen Aeußerungen werden die Ansichten der einzelnen Teilnehmer über das, was zu geschehen habe und was Sinn der Vereinigung sei, niedergelegt. Man muß sich zum Verständnis der hier enthaltenen Ansichten die Lage der damaligen Generation vor Augen führen, so etwa wie es 10) Die Meinungsäußerung Lists ist besonders interessant, weil sie den seelischen Konflikt der Generation sehr deutlich wiederspiegelt. Infolge eines Konflikts mit Gans tritt er schon am 17. November 1821 aus dem Verein aus. Das „Buch Zunz“ nennt seinen Hochzeitstag und die Namen seiner Söhne, die später „gute Christen“ geworden seien. Die Angaben in den Akten des Vereins sind dürftig. Vgl. auch den Briefwechsel zwischen Zunz und Mannheimer, herausg. von Braun und Rosenmann, MGWJ. 1917. Dr. Jacob Jacobson, Leiter des Gesamtarchivs der deutschen Juden, der mir seine Hilfe freundlichst zur Verfügung stellte, ermittelte über List: List ist am 17. April 1780 zu Schwersenz geboren und wohnt seit 1814 in Berlin. Seit 1823 als Inhaber einer privaten Elementarschule für Kinder jüdischer Eltern. Seine Wohnung ist Königstraße 30. Er ersucht 1824 um das preußische Staatsbürgerrecht, weil er eine Buchhandlung eröffnen will. Seit 1824 ist er Buchhändler in Berlin (s. Judenbürgerbuch des Berliner Stadtarchivs, Nr. 177). u) Jost in „Allgemeine Zeitung des Judentums“, 1859, S. 176. 12) Er wird von Gans als Philosophieprofessor bezeichnet; Gans deutet auch an, daß er manches seiner Pläne nur mit Hilfe von Professor Erb ausführen könne. Erb sei ein Mann von den seltensten Anlagen des Verstandes und des Herzens; anerkannt als einer der scharfsinnigsten Köpfe Deutschlands, bis zum Erstaunen gelehrt . . . Feind alles Pedantischen und jeglichen hergebrachten Aberglaubens“ usw. usw. Gans scheint stark übertrieben zu haben, wenn er von einer Anerkennung Erbs in Deutschland spricht. Meine Nachforschungen über die Persönlichkeit Erbs habe ich noch nicht abgeschlossen; in der mir zur Zeit erreichbaren Literatur fand ich ihn nur zitiert bei H. Schneider: Geschichte der Universität Heidelberg im ersten Jahrzehnt nach der Reorganisation, 1913. (Nicht zu verwechseln mit einem früher lebenden gleichnamigen Professor!) Er ist dort Professor an der hohen staatswirtschaftlichen Schule und will an der Universität über Polizeiwissenschaften lesen. Darüber entsteht ein Streit an der Universität. Schneider gibt keinen Vornamen an. Erb ist wahrscheinlich identisch mit Karl August Erb, von dem Kaysers Bücherlexikon folgende Werke nennt: Forschungen über Geschlechtsnatur, 1824; Zur Mathematik und Logik, Vorspiele in ihrer Erweiterung und Begründung, 1821; Mitteilung eines ersten Entwurfes zu einer aero-hydrodynamischen Gesellschaft . . . Die Preußische Staatsbibliothek Berlin besitzt nur das erste Buch, das gegen die „physiologische Herabwürdigung des weiblichen Organismus“ gewaltig auffährt und ein originelles romantisches Kuriosum darstellt. 13) Die Schreibung des Namens wechselt. 5