Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums „Ueber die Grundzüge der publizistischen und privatrechtlichen Verhältnisse Roms“. Die Vortragsliste dieses Zirkels, dessen Existenz sich bis in den Juni 1817 nachweisen läßt, gibt jedenfalls einen Ueberblick über weite Strecken des Interessengebietes der damaligen gebildeten jungen Judengeneration. Es ist kaum zu bezweifeln, daß wir es bei dem Wissenschaftszirkel nicht mit einem lediglich durch Freundschaft zusammengeschlossenen Kreis zu tun haben. Das Vergehen, „wasserdichte“ Juden zu sein, zwang diese Menschen sich abzusondem, während ihre Sehnsucht sie zu der Umgebung zog, deren Bildungsideal auch sie beherrschte. — Es ist die Zeit der Bundesakte vom Jahre 1815, die sie noch am eigenen Leibe spüren. Die Rühs und Fries schreiben ihre Pamphlete gegen die Juden, und Zunz hört bei Rühs die belegten Vorlesungen nicht, weil der „gegen die Juden schreibt“6). Gans schließt sich in Heidelberg im Jahre 1818 an Thibaut und Hegel an; zu derselben Zeit, da der junge Jurist sich der Geistesmacht naht, die auch Berlin und Preußen alsbald beherrschen sollte — im Herbst 1818 kommt Hegel nach Berlin —, setzt Savigny, einflußreicher Lehrer der Universität, an der Gans sich habilitieren will, seine Unterschrift unter das Fakultätsgutachten, das die Juden in Frankfurt der Gnade der dortigen Obrigkeit auslieferte7). In den Sommermonaten des Jahres 1819 ertönt das Geschrei der „Hep-Hep“-Stürmer im Süden Deutschlands. Im selben Jahre war Gans nach Berlin zurückgekehrt und wandte sich unter dem Eindruck der letzten Geschehnisse an Seine Berliner Freunde, deren Interessengebiet uns schon bekannt ist, um durch irgendeine Art von Aktivität, durch irgendein Tun auf diese Geschehnisse zu reagieren. Unzweifelhaft ist es, daß der „Judenschmerz“, die Zurücksetzung in der Welt der deutschen Bildung es gewesen ist, was so den Zusammenschluß zu einem jüdischen Verein vor allem veranlaßt hat. Bei Eduard Gans tritt der Schmerz, vor verschlossenen Pforten zu stehen, am deutlichsten hervor. Was uns über sein Wesen überliefert ist, das läßt es glaubhaft erscheinen, daß Gans zu jenen Menschen gehörte, bei denen scharfer Blick für persönliche Vorteile sich mit einem ebenso scharfen Bick für geistige Realität vereinigte. Ergreifend klingt es immerhin, wenn er in einem Briefe an den Minister v. Altenstein wegen seiner Habilitationsangelegenheiten schreibt: „Ich gehöre zu der unglücklichen Menschenklasse, die man haßt, weil sie ungebildet ist, und die man verfolgt, weil sie sich bildet“8). Uns darf dieses Wissen von der Entstehung des Vereins aus Not nicht den Blick für das verdunkeln, was als Neues geistigen Inhaltes in dieser Reaktion auf den Antisemitismus sich zeigt. Am 7. November 18199) treffen sich sieben Männer zur Vereins- 6) Handschrftl. Eintragung im „Buch Zunz“. 7) Vgl. bei Graetz Bd.ll (1870) S.350. 8) Max Lenz, Geschichte der Königl. Friedrich-Wilhelms-Universität, 1910. Brief an Altenstein vom 3. Mai 1821. — Zur Charakteristik von Gans vgl. auch Heines Denkworte für Ludwig Markus, die auch für die Gesamtheit des Vereins wichtig sind. In seinen Briefen hat Heine sich über Gans auch anders ausgesprochen (Vgl. Briefe von Heinrich Heine, ed. Strodtmanm 1876.) Z. B. Brief an Moser vom 23. VIII. 23. Gans war übrigens nach Strodtmanns Bericht (Heinebiografie, 1867, S. 139) gesellschaftlich glänzend eingeführt. 9) Zunz trägt in sein Buch unter dem 7. November 1819 ein: „Verein von Gans angeregt, gestiftet in der Wohnung von J. A. List, 7. Teilnehmer — Hillmar schon am 11. März 1820 ausgescnieden.“ Im Anschluß an diese Eintragung, die Jahrzehnte nach den Ereignissen geschehen ist, folgen bissige Bemerkungen gegen einen Artikel über den Verein, der in Frankels Monatsschrift 1854, S. 308, anonym erschienen ist („aus jedem Worte riecht ein Frankelianer“ schreibt Zunz u. a.), und gegen einen Artikel von Jost in der „Judenzeitung“ (d. i. Allgem. Zeitung des Judentums) vom Jahre 1859, S. 176, in dem Jost nachträglich vom Verein abrückt. 4