Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Siegfried Ucko. Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums Eine solche Herauslösung dieser Problematik aus der Beurteilung der historischen Wirksamkeit — nicht aber aus der damaligen historischen Situation — enthält zugleich Grundlinien jeglicher Fragestellung, die das Judentum als Phänomen einer allgemeinen Kultur sieht. An der geistigen Situation der Männer des Kulturvereins zu Beginn des 19. Jahrhunderts offenbart sich die Situation des jüdischen Menschen, der diese Fragestellung sieht, weit über die individuelle Situation der Kulturvereinler hinaus, weil diese menschlichjüdische Situation ihr Gleichnis bis auf unsere Tage findet. Unter den Papieren des Zunz-Archivs befindet sich ein fünf Blatt umfassendes Manuskript, betitelt „Annalen des Wissenschaftscirkels. Berlin, den 21ten November 1816“. Eine Durchsicht ergibt, daß in diesem Wissenschaftszirkel schon fast all’ die jungen Männer zusammengeschlossen waren, die fast genau drei Jahre später — am 7. November 1819 — sich zur Gründung des Vereins für Kultur und Wissenschaft der Juden fanden. Hier schon wirken durch Vorträge: Hiilmar, Jost, Leßmann, Zunz, Moser, Rubo, Gans3). Die Form dieses Zirkels kann von der der damaligen Berliner bürgerlichen Aussprache- Klubs beeinflußt gewesen sein4) oder von jenem Fichteschen Aufrufe5) an die Studenten, an Stelle der Landsmannschaften allgemeine Vereine zu gründen, „deren bindende Kraft in den gemeinsamen Studien und ihrer gegenseitigen Förderung durch freiesten Geistesverkehr sowie in dem Bewußtsein des Einen Vaterlandes“ liegen sollte; wir hätten dann hier gleichsam eine Uebertragung derartiger Kreise ins Jüdische; denn wenngleich wir nichts darüber wissen, ob dieser Zirkel statutenmäßig konfessionell abgegrenzt war, so finden wir in ihm wohl nur jüdische Männer (Huber?) und unter ihnen jene, die späterhin für eine gewisse Zeit so begeistert die Sache des Judentums ergreifen sollten. Die Gegenstände der Referate sind nicht durch das Judentum bestimmt, nur Hiilmar, einige Zeit auch Sekretär dieses Kreises, hält einen Vortrag „Einleitung zur älteren Geschichte der Juden“. Zunz beschränkt sich auf folgende Themen: „Anleitung zum Büchermachen“, „Lob des Geldes“, „Von der Würde eines Konversationslexikons; eine Predigt über zwei Texte“ (letzteres vielleicht Polemik gegen ein Lexikon, das über jüdische Themen schrieb?). Hiilmar liest noch „Üeber die Glückseligkeit“, „Einige Bemerkungen über den jetzigen Zeitgeist“, „Ueber den Luxus“. Jost: „Ueber das Rationelle und Zufällige in der Sprache“, „Ueber das Verhältnis der Mythologie zur Geschichte“, „Ueber Macbeth“. Leßmann: „Die Kindheit der Poesie“, „Gregor VII.“, „Das italienische Trauerspiel“ u. ä. Moser: „Ueber geistige Bildung“, „Moses Mendelssohn über die Evidenz“, „Die Weise der Wissenschaften“. Rubo: „Einige Ideen über das Mercantilsystem“, „Ueber Sklaverei und Leibeigenschaft“, „Der apostolische Stuhl in Rom“. Gans: „Einiges über Roms Größe und Verfall“, „Ueber eine allgemeine europäische Sprache“, 3) Andere Namen sind: Dr. Brogi, Steinmann, Dr. Zimmern, Huber, Veit. Zunz trägt unter Dezember 1816 in sein eigenartiges Erinnerungsbuch „Buch Zunz, künftigen ehrlichen Leuten gewidmet“ [handschriftlich in der Zunz- Stiftungl rin: „Bekanntschaft mit Hiilmar.“ 4) Etwa „Mittwochsgesellschaft“ oder „Montagsclub“. Vgl. bei Ludwig Geiger: Geschichte des geistigen Lebens der preußischen Hauptstadt, II. Band, 1895. 5) Strodtmann im Kapitel „In der Residenz“ seiner Heine-Biographie, bei dem aber von dieser Beziehung nicht die Rede ist. Der Hinweis auf die Fichteschen Mahnung steht bei ihm -in anderem Zusammenhänge. Auflage von 1867 S. 152. 3