Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4
- Article
- Der Vorwurf der Hostienschändung und das erste Auftreten der Juden in der Mark Brandenburg
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 196 (sequence 8)
- Language
- German
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Hans Lichtenstein. Der Vorwurf der Hostienschändunj u. das erste Auftreten des Juden in der Mark Brandenburg schnitte von 1521 auch die Kirchengemälde geschaffen worden, die dann die mündliche Tradition weiter beeinflußt haben. Die Legende scheint aber noch eine Erinnerung an die Herkunft der märkischen Juden bewahrt zu haben, wenn sie den angeblichen Hostiendieb aus Freiberg in Meißen stammen läßt. Unsere Zusammenstellung hat ergeben, daß aller Wahrscheinlichkeit nach die ersten Juden um die Mitte des 13. Jahrhunderts in die Mark gekommen sind. Da liegt es nahe, ihr Auftreten mit dem Schicksal der Juden in Sachsen in Verbindung zu bringen. Im Erzbistum Magdeburg wurden sie 1261 ihres Vermögens beraubt und 1302 vertrieben. Sicherlich werden schon vor diesem Jahre zahlreiche Familien ausgewandert sein. Es fehlt jeder Anhalt dafür, daß die KreuzzugsVerfolgungen in den Rheinlanden eine Flucht nach der Mark zur Folge gehabt hätten; wohl aber wird die fränkische Verfolgung von 1298 manche jüdische Familie dorthin getrieben haben. Für mittellose Flüchtlinge aber wird Anreiz der zeitweisen Steuerfreiheit nicht nötig gewesen sein. Hier kann Markgraf Otto III. nur an wohlhabende Juden gedacht haben, mochten diese nun aus; Westdeutschland oder aus Polen kommen. So stammen die märkischen Juden wahrscheinlich aus verschiedenen Teilen Deutschlands und aus Polen. Nach all dem können wir das Eindringen der Juden in die Mark einigermaßen verfolgen. Zuerst siedelten sie sich nicht in den alten Bischofsstädten Havelberg und Brandenburg an, sondern, gefördert von den Markgrafen Otto III. und Otto V., in deren Residenzstädten Stendal und Tangermünde. Hier sowie in den neugegründeten, aufblühenden Kolonialstädten Frankfurt a. d. O. und Berlin bildeten sich die ersten jüdischen Gemeinden. Von diesen Orten aus, verstärkt durch Zuzug aus Magdeburg und wohl auch aus Süddeutschland, drangen dann einzelne Juden in sämtliche größere Orte der Mark ein, schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts in Brandenburg a. d. Havel, während der Wirren nach dem Aussterben der Askanier auch in H a v e 1 b e r g. An den meisten Orten werden nur wenige jüdische Familien gelebt haben; Gemeinden hat es vor dem Schwarzen Tode außer in Stendal, Frankfurt und Berlin noch in Brandenburg, Neuruppin, Prenzlau, Arnswalde, Salzwedel und Sold in gegeben. Die Juden der Neu mark bildeten einen eigenen Verband, der wiederholt von den Markgrafen Schutzbriefe erhielt. Fassen wir die Ergebnisse der Untersuchung kurz zusammen: 1. Der Vorwurf der Hostienschändung ist gegen Juden zum ersten Male in Paris 1200 erhoben worden. 2. Erzählungen, die Juden frühere Hostienschändungen zuschreiben, stammen frühestens aus dem 14. Jahrhundert und sind, zumindest in diesem Punkte, historisch wertlos. 3. Im besonderen werden Juden von den Zeitgenossen nicht mit dem angeblichen Hostienwunder von Beelitz 1247 und mit der Gründung des Klosters Heiligengrabe 1287 in Verbindung gebracht. 4. In die Altmark wanderten Juden auf Grund besonderer Vergünstigungen seit der Mitte des 13. Jahrhunderts ein, in die Mittelmark vermutlich seit dem Ende desselben und in die Uckermark und Neumark seit dem Beginn des 14. Jahrhunderts. ANHANG. Der Rat zu Arnswalde in der Neumark beurkundet einen Vergleich mit der dortigen Judenschaft wegen der Synagoge, der Dienste und Abgaben, sowie wegen des Friedhofs. 1321, Sept. 7. Regest: E. Joachim—P. van Niessen, Repertorium der im Kgl. Staatsarchive zu Königsberg i. Pr. befindlichen Urkunden zur Geschichte der Neu- T96