Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4
- Article
- Der Vorwurf der Hostienschändung und das erste Auftreten der Juden in der Mark Brandenburg
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 193 (sequence 5)
- Language
- German
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Hans Lichtenstein. Der Vorwurf der Hostienschändung u. das erste Auftretein der Juden in der Mark Brandenburg Neuendorf (bei Gardelegen) kommen ließ. Hierbei ereigneten sich noch verschiedene Wunder, die im einzelnen beschrieben werden. Daß der Bericht 1516 gedruckt wurde, erklärt sich aus dem Interesse der Zeit an Hostienprozessen; hatte ein solcher doch erst 1510 zur Vertreibung der Juden aus der ganzen Mark Brandenburg geführt. Das Schweigen der Quellen bis dahin ist nicht auffällig; denn die Geschichte Heiligengrabes ist damals zum ersten Male gedruckt worden. Die Urkunden18) betreffen Geschäfte des Klosters und gaben keine Veranlassung, auf seine Entstehungsgeschichte einzugehen. Daß der Bericht einen historischen Kern enthält, zeigen die genauen Namenangaben, die 1516 nur schwer zu beschaffen waren. Belegt sind 1289 als Gründungsjahr des Klosters und eine Hostienverehrung dort etwa dreißig Jahre später. Damit ist aber noch nicht gesagt, daß Juden etwas mit der Entstehung des Wunderblutes zu tun hatten. Wie kommen ferner Galgen und Rad in den Wald bei Techow, der von der nächstgelegenen; Stadt, Wittstock, 8 km entfernt ist? Besaß etwa das kleine Dorf eine eigene Richtstätte? Dürften wir dem Berichte Glauben schenken, so hätten wir hier — abgesehen von Santarem — den ersten Fall einer Hostienschändung, drei Jahre vor dem Pariser Prozeß von 1290. Dieser hat dann großes Aufsehen erregt und eine ganze Kette von Verfolgungen nach sich gezogen, die mehr als zwei Jahrhunderte lang die Juden Europas, namentlich Deutschlands, heimgesucht haben. II. Wir müssen versuchen, die Frage der Glaubwürdigkeit der Heiligengrab er Erzählung von einer andern Seite her zu entscheiden. Der schuldige Jude sucht bei Glaubensgenossen in Pritzwalk eine Zuflucht. Haben wir Beweise dafür, daß bereits im Jahre 1287 Juden dort oder überhaupt in der Mark Brandenburg lebten? Die erste Nachricht über Juden in der Mark enthält eine Anfrage der Gemeinde Stendal an R. Meir von Rothenburg (gest. 1293). In ihr heißt es19): „Unser Fürst gewährte jedem neu zuziehenden Juden Steuerfreiheit für ein Jahr, ohne das Einverständnis derjenigen Juden, die bereits in seinem Lande lebten" — eine Vergünstigung, die, soviel ich weiß, im gesamten Mittelalter keine Parallele hat; daraufhin zwangen die Alteingesessenen die Zuzügler, im zweiten Jahre das Doppelte zu zahlen; „danach starb der Fürst, und sein Sohn wurde sein Nachfolger", das Privileg für Neueinwanderer aber geriet in Vergessenheit. Offenbar wurde, wie üblich, die Judensteuer korporativ entrichtet und von der Gemeinde auf die einzelnen Mitglieder umgelegt. Daher das Interesse der Alteingesessenen, die Neueinwanderer mit heranzuziehen. Nun herrschte im Todesjahre R. Meirs Markgraf Otto V. in Stendal (1268—1298); er war ein Sohn Ottos III. (1220—1267) und Nachfolger seines Bruders Johanns III. (1267—1268). Dessen kurze Regierung war, als die Anfrage erging, schon in Vergessenheit geraten („sein Sohn wurde sein Nachfolger"), d. h. die Stendaler Gemeinde hat sich erst längere Zeit nach 1268 an R. Meir gewandt. Das Privileg der Steuerbefreiung dagegen muß vor 1267 erteilt worden sein. 1287 lebten Juden also bereits mehr als 20 Jahre in Stendal in der Altmark. Um aber einen Ueberblick über das Eindringen der Juden in die Mark Brandenburg zu geben, stelle ich im folgenden ihre erstmaligen Erwähnungen in märkischen Orten vor dem Schwarzen Tode (1349) zusammen. 1S) Riedel AI 466ff. 19) Responsen ed. Lemberg 1860, Nr. 108. ny\vx-\ n:v 00 *63 ztrb nns Dpa» vnnn -rrb Tirr bch rrrm \m vbv •b*x es o-arm vm rnnn i» -ram -ran na rn» ... rnnn nwrn trrm ran km ... nrw cir rrstn *6tr mb hm •d"« ds 193