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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 4 · p. Seite 192

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 4
Article
Der Vorwurf der Hostienschändung und das erste Auftreten der Juden in der Mark Brandenburg
Date
1932-01-01
Page
Seite 192 (sequence 4)
Language
German
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Hans Lichtenstein. Der Vorwurf der Hostienschändung u. das erste Auftreten der Juden in der Mark Brandenburg die Erzählung erst aus dem 17. Jahrhundert11). Deutlich ist die Entstehung der Hostienlegende von Oberwesel bei Bacharach 12S7. Dort soll um die Osterzeit ein Knabe Werner von Juden ermordet worden sein, was durch das Zeugnis einer christlichen Magd bekannt wurde. Es kam zu einer Judenverfolgung, der Rudolf von Habsburg ein Ende bereitete. Die gleichzeitigen Quellen (Gesta Boemundi archiepiscopi Treverensis12), die Fortsetzung der Amialen Hermanns von Altaich1^, die sechste Fortsetzung der Klosterneuburger Annalen14) und die Annales Colmarienses maiores15), wissen von einer Hostie nichts. 1429 aber wird zum Zwecke der Kanonisation auf Veranlassung des Trierer Erzbischofs eine Gerichtsverhandlung in der Wernerkirche zu Bacharach abgehalten, und hier erscheint das Zeugnis der Magd in der Form, daß die Juden den Knaben mit dem Kopf nach unten an eine Säule gebunden hätten, um so einer Hostie habhaft zu werden, die er am Tage zuvor empfangen hatte16). Es ist offenbar, daß sich in der Zwischenzeit die Volksmeinung, durch andere Fälle beeinflußt, des Stoffes bemächtigt und wie in Beelitz den Mord mit dem angeblichen Streben der Juden nach Hostien in Verbindung gebracht hatte. In dasselbe Jahr — 1287 — fällt nun der zweite der märkischen Hostienprozesse, der von Heiligengrabe in der Prignitz. Der Bericht — vierzehn Holzschnitte mit kurzem Text — stammt aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts17). Ein Jude aus Freiberg in Meißen übernachtete in dem Dorfe Techow zur Zeit des „Kurfürsten Jochim" von Brandenburg am Freitag nach Himmelfahrt (16. Mai) 1287. Nachts stahl er das Sakrament aus der Dorfkirche und flüchtete eilends nach dem etwa 12 km entfernten Pritzwalk. Als er jedoch ein kurzes Stück Weges zurückgelegt hatte, wurde ihm die Last so schwer, daß er unter einer noch später gezeigten Eiche rastete. Noch einen Steinwurf weiter, und er kam an einen Galgen, an dem ein Mann hing und neben dem ein Rad stand. Zwischen Galgen und Rad verscharrte er nun die Hostie, nachdem er sie zuvor in kleine Stücke zerteilt hatte. Am Morgen entdeckten die Techower den Diebstahl und erfuhren, daß in der Nacht ein Jude mit blutigen Händen nach Pritzwalk gelaufen war. Sie fanden ihn bei den dortigen Juden; der Dieb wollte aber nichts gestehen. Da verkleidete sich ein Bürger als Priester und berief sich dem Juden gegenüber auf das Beichtgeheimnis. Hierauf ging dieser mit ihm zu dem Galgen und sprach: Hier liegt euer Gott. Im Gebüsch versteckte Bauern ergriffen ihn und führten ihn ins Gefängnis. Danach wurden die größeren Teile des Sakramentes, die rot von Blut waren, in einem Federkiel, und die kleineren in einem roten Seidentuche ein Jahr lang von dem Pritzwalker Kirchenherrn Werner aufbewahrt. Sie wirkten verschiedene Wunder, jedoch immer nur an der Stelle, wo der Jude sie vergraben hatte. Bischof Heinrich (II.) von Havelberg (gest. 1290), zu dessen Diözese Pritzwalk gehörte, ließ sich das Sakrament herausgeben, und Markgraf Otto (IV., gemeint muß Otto V. sein), stiftete für es das Zisterzienser Nonnenkloster Heiligengrabe, zu dem er zwölf Nonnen aus 1X) Fr. Antonio Branda o, Monarchia Lusitana IV, Lisboa 1632, p. 226 c. d. — Ohne eine Quelle anzugeben, nennt Lewin noch eine angebliche Hostienschändung Paris 1269. Das Datum beruht wie mehrere andere seiner Liste sicherlich auf einem Irrtum. i2) MG SS XXIV 470 f. «) MG SS XVII 415. ") MG SS IX 746. ") MG SS XVII 214. 16) Acta Sanctorum Apr. II 699. 17) Erschienen niederdeutsch bei Ludwig Dytz in Rostock 1521. Neudrucke: Johann Bernoulli, Samml. kurz. Reisebeschrbgn. VI, Berlin 1782, S. 415 ff. — Riedel, Codex diplomaticus Brandenburgensis, Berlin 1838 ff., A I 463 ff. — Jahrb. d. Vereins f. mekienburg. Gesch. und Alterthumskunde LIII (1888) S. 340—50. — Brandenburg. Jahrb. III (1928), S. 105—13. — Johannes Simon, Die Legende vom Ursprünge des Klosters Heiligengrabe in der Prignitz (Mttlgn. d. Heimat- und Museumsvereins in Heiligengrabe XI, 1928, S. 1—40, auch selbständig erschienen). — Vgl. denselben im Jahrb. f. brandenburg. Kirchengesch. XXIV (1929), S. 21 ff. — Das 1516 von Dytz gedruckte lateinische Original ist verschollen. 192

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