Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4
- Article
- Der Vorwurf der Hostienschändung und das erste Auftreten der Juden in der Mark Brandenburg
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 191 (sequence 3)
- Language
- German
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Hans Lichtenstein. Der Vorwurf der Hostienschändung u. das erste Auftreten d«r Juden in der Mark Brandenburg- Auch außerhalb Deutschlands ist der Vorwurf in diesen Jahrzehnten noch nicht erhoben worden6). P. Browe S. J. hat sich bemüht, eine möglichst vollständige Liste der angeblichen Hostienschändungen aufzustellen7). Er nennt allerdings an erster Stelle ein Hostienwunder, das sich um 1220 in Trani in Süditalien ereignet haben soll, versieht aber dieses Datum selbst mit einem Fragezeichen. Tatsächlich findet sich weder in dem von ihm genannten Bande der Bollandisten noch in den Urkunden, bei Straus oder Cassuto8) ein Hinweis auf einen derartigen Vorfall. Bei der Einstellung Friedrichs II. zu religiöser Verleumdung, wie sie sich besonders im Fuldaer Ritualmordprozeß 1236 offenbarte, dürfen wir daher behaupten, daß in seinem Reiche ein angebliches Hostienwunder nicht anerkannt worden ist. Ebenso ist den folgenden Jahrzehnten der Vorwurf der Hostienschändung unbekannt Ein Fall, der bei Browe fehlt, soll sich in Flandern (weder Ort noch Jahr werden genannt) ereignet haben. Der Bericht stammt, wie der über Beelitz, erst aus dem 16. Jahrhundert: Samuel Usque9) gibt ihn, ohne eine Quelle zu nennen; vermutlich hat ihm eine spanische theologische Schrift oder Chronik vorgelegen10). Auch in diesem Falle also völliges Schweigen der Quellen bis ins 16. Jahrhundert, nur daß uns hier ein zeitgenössischer Widerspruch gegen die Volkstradition fehlt. So dürfen wir den Bericht, wie den über Beelitz, als unhistorisch bezeichnen. Nicht besser steht es mit dem nächsten Falle: einem Hostienwunder, das sich 1266 in dem portugiesischen Santarem ereignet haben soll. Hier stammt Stern, Urkundliche Beiträge über d. Stellung d. Päpste zu den Juden II, Kiel 1895, Nr. 210. — Aronius, Regesten Nr. 568. — Lacomblet, U.-B. f. Gesch. des Niederrheins II, 1846, Nr. 305. — I. Kracauer, U.-B. z. Gesch. d. Juden i. Frankfurt a.M. I, Frkft. a. M. 1914, Nr. 13. — Ennen und Eckertz, Quellen z. Gesch. d. Stadt Köln III, Köln 1867, Nr. 88. — Ernst Weyden, Gesch. d. Jud, in Köln, Köln 1867, S. 357f. — Der Fall von Enns (Oberösterreich), den der Annalist von Steyr-Garsten ins Jahr 1236 setzt, gehört in Wirklichkeit in den Beginn des 15. Jahrhunderts (Kurrein, ZGJD III (1931), S.178). 6) Alfonso de Spina, Fortalitium Fidei (Straßburg spätestens 1471) III 9, 2 bringt ein ihm von einem französischen Mönche nach Kirchengemälden und Volkstradition erzähltes Hostienwunder mit der Vertreibung der Juden aus Frankreich 1306 in Verbindung. Es handelt sich hierbei um den bekannten Vorfall von 1290. Von ihm sind abhängig Samuel Usque, Consolacam äs tribulacoens de Israel, Coimbra 1906—08, III 2 und Josef ha-Kohen, Emeq ha-Baka ed. Letteris, Wien 1852, S. 24 f. sowie G. B. Depping, Les Juifs dans Ie moyen äge, Paris 1834, p. 123 f. und Zunz, Die synagogale Poesie des Mittelalters, Frankfurt a.M. 1920, S. 19. Das Jahr 1306 hat noch die zweite Ausgabe des Fortalitium Fidei (Basel spätestens 1475); die dritte (Nürnberg 1485) hat erstmalig den Druckfehler MXXXVI für MCCCVI. Nach Usque ereignete sich das Wunder im Jahre 4077 (= 317), nach Josef ha-Kohen 4859 (= 1099), nach Zunz wahrscheinlich in der Regierungszeit Heinrichs I. (1031—1060). Das Richtige vermutete zuerst Isidore Loeb, REJ XVI (1888) 213. 7) P. Browe S. J., D. Hostienschändgn. d. Juden im Mittelalter (Römische Quartalsschr. XXXIV, 1926, 167—97). Zu Beelitz vgl. besonders S. 177, Anm.29 Andere Listen: Adolf Lewin, Juden in Freiburg i. B., Trier 1890, S. 67, Anm. 1. Jewish Encyclopedia VI, 483. 8) Acta Sanctorum Jun. I, 258. — J.-L.-A. Huillard Breholles, Historia diplomatica Friderici secundi II 1, Paris 1852. — R. Straus, D. Juden im Königreich Sizilien unter Normannen und Staufern. (Heid. Abhdlgn. z. mittl. u. neueren* Gesch., Heft 30, Heidelberg 1910.) — Jüd. Lex. IV 2, Berlin 1930, s. v. Trani. — Wenn Friedrich II. im Jahre 1231 gerade der Judenschaft von Trani das Monopol des Seidenhandels überträgt und die gegen die Juden gerichteten Bestimmungen der Assisen von Messina 1221 nicht in die Konstitutionen von Melfi übernimmt (Eduard Winkelmann, Jahrb. d. deutsch. Gesch.: Kaiser Friedrich IL, 2. Band, Leipzig 1897, S. 283), so spricht auch das gegen die Möglichkeit einer Hostienschändung ein Jahrzehnt zuvor. 9) Usque III 14. Aus Usque stammt die Angabe bei Josef ha- Kohen S. 55. 10) Fritz Baer, Untersuchuhgen über Quellen u. Komposition des Schebet Jehuda, Berlin 1923, S. 37, Anm. 3. 2. 191