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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 4 · p. Seite 188

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 4
Article
Elise Reimarus und Moses Mendelssohn
Date
1932-01-01
Page
Seite 188 (sequence 16)
Language
German
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Bertha Badt-Strauß. Elise Reimarus und Moses Mendelssohn Bahn locken. Aber jetzt geht sie für eine lange Weile entschieden andere Wege; und es ist einem unparteiischen Beobachter ihres Lebens völlig klar, welche Enttäuschung sie von dem früheren Leben gewaltsam absperrte. So scheint es, als ob das tragische Ende der Freundschaft mit Mendelssohn und die menschlich-philosophische Erschütterung, die ihr Jacobis Haltung im Pantheismusstreit bereitete, im Leben der Elise Reimarus jene entscheidende Wandlung hervorgebracht hätte, die sich im Leben so vieler Aufklärungsfreunde findet: vom Denken zum Tun. Wie man sonst im Hause Reimarus diesen Streit beurteilte, das zeigen uns zahlreiche Aeußerungen in den Briefen der „Doctorin", der leidenschaftlichen Sophie Reimarus: „Mendelssohn hat uns auch verlassen — wieder ein Wahrheitsfreund weniger in der Welt! Das ist eine Lücke, die wohl nie Einer wieder ausfüllen wird, und wenn auch zehn sich darin teilen wollten — was sollen zehn Stämmchen da wo ein Baum gestanden hat? Jacobi mag sich die Haare ausraufen, daß er ihn nicht verstand und so von ihm Abschied nahm . . . Lessing mag nun Mendelssohn die Hand geben und sagen, wie ers gemeint hat . . ,"41). „Gleich in der ersten Hitze schicke ich Dir die Zeitung, lieber August. Du mußt Mendelssohns letzte Worte durch meine Hände erhalten. Wer hat so wie er von der Welt Abschied genommen! Bei den Worten ,Ich möchte selbst von der Autorität eines Erzengels nicht abhängen' kam es mir vor, als wenn Lessings Geist sich mit Mendelssohns Seele vereinigte zu einer Stimme! . . . In Jacobis Stelle möchte ich für Alles in der Welt nicht sein; stehen ihm nicht die Haare zu Berge, so ist er gar ein Wisch; und zittert und fühlt er sein Unrecht, so wird ihm wohl sein Glaube und Lavater nicht aushelfen. So recht im Gefühl von Lessings und Mendelssohns Wert kommt es mir fast vor, als wenn der Letztere nie schöner hätte sterben können"42). Die Worte der lebenslangen Freundin und Hausgenossin der Elise Reimarus lesen sich wie ein Epilog zu der merkwürdigen Freundschaft zwischen der Hamburger Bürgerstochter und dem Sohne des Thoraschreibers aus Dessau, die wir eben betrachtet haben. Es ist eine echte Freundschaft im Stile der Aufklärungszeit, die beide verbindet. Da ist nichts von romantischem Schwärmen oder empfindsamer Gefühlsweichheit; wenn man auch zur Wertherzeit lebte, so bleibt Werth ers Geist diesem Bunde doch weltenfern. Zwei Pilger nach dem Altar der Wahrheit treffen einander auf dem Wege und wandern eine Strecke Seite an Seite. Freilich erwächst aus dieser Gemeinschaft des Denkens in der Seele der Frau, deren einzige Leidenschaft der Durst nach Erkenntnis war, allmählich eine fast kindliche Verehrung für den „Schutzheiligen", zu dessen Füßen sie sitzen möchte. Trotzdem aber ist sie nicht blind und kaum nachsichtig, wenn der angebetete Lehrer ihr vom allein selig machenden Wege der Aufklärung abzuweichen scheint. In seiner Hinwendung zu rein jüdischen Aufgaben sieht sie etwas wie einen Abfall von der Religion der Vernunft, die nach den Worten ihres Freundes Hennings weder des Judentums noch des , Christentums bedarf. Eine Zeitlang mag es scheinen, als ob die Er- { kenntnis der Grenzen der Vernunft, wie sie im Geiste dieses Stadiums tt) Sophie Reimarus an Hennings 26.1.1786. (Abschrift von Hennings' Hand in der Staatsu. Univ.-Bibl. Hamburg.) *2) ib. 27.1.1786. 188

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