Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4
- Article
- Elise Reimarus und Moses Mendelssohn
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Bertha Badt-Strauß. Elise Reimarus und Moses Mendelssohn Streite" beigetragen. Wir hören jetzt, daß sie die Stelle über Mendelssohns „Morgenstunden" auf den Rat ihrer Schwägerin Jacobi vorenthielt; gerade diese Ueberraschung aber durch das gedruckte Buch hat Jacobi später Mendelssohn als besondere Hinterlist angekreidet38). Gewiß: in dieser Auseinandersetzung zweier Epochen und zweier Temperamente hätte die Freundin beider nichts ändern können und nichts verhüten. Aber man sieht jetzt deutlicher, welche geschichtlich bedeutsame Rolle ihr hier das Schicksal — zum zweiten Male in ihrem Leben — zugedacht hatte. Ein unheilvolles Geschenk des Schicksals freilich für dies empfindliche Herz: jahrelang hat, wie man jetzt erkennt, diese verhängnisvolle Rolle dies heitere Leben verdüstert und verschattet. Menjdelssohn starb; und wenn auch Elise wohl nicht zu denen gehörte, die seinen Tod unmittelbar mit der Erregung über Jacobis Angriff in Verbindung brachten, so hat doch die mittelbare Verknüpfung dieses Todes mit dem Streite, an dem sie sich nicht schuldlos fühlte, ihr Leben während der nächsten Jahre von Grund auf verändert. Sie hat sich nicht, wie noch Geiger meinen konnte, von Jacobi sofort zurückgezogen; aber ich fand einen (bisher ungedruckten) geradezu erschütternden Brief von ihr an Jacobi, als er ihr seine zweite Schrift gegen Mendelssohn zugeschickt hatte, in dem sie schreibt: „ . . . je mehr ich über diese Sache lese, desto mehr überwältigt mich ein tiefer Kummer, der mir fast kein andres Gefühl übrig läßt als daß ich einen Teil meines Lebens hingeben möchte, um das Ganze ungeschehen zu machen. — Sie können leicht denken, daß bei so einem Gefühl die Rolle, die ich dabei spiele oder gespielt habe, nie in einem gefälligen Lichte bei mir erscheinen kann. Auch mein Bruder, ich weiß es, so wenig er als ehrlicher Mann ein öffentlich Zeugnis seiner Meinung, für oder gegen wen es wolle, abzulegen sich scheut, liebt die Blosstellungen aus Privatbriefen nicht —"39). Der verhängnisvolle Schluß ihrer Freundschaft mit Mendelssohn scheint sie nicht nur in den nächsten Jahren Jacobi merklich entfremdet zu haben — der nächste Brief an ihn stammt aus dem Jahre 1789 —, sondern er gestaltet auch ihr eigenes Leben von Grund auf um. Auch dem Vertrauten ihrer denkerischen und menschlichen Kämpfe, Hennings, gegenüber schweigt sie fast zwei Jahre. Und als sie dann wieder an ihn schreibt, da . . . ist sie eine Verwandelte. Schon während des Mendelssohn-Jacobi-Streites (1785) hatte sie — wohl in einem Augenblick des Ueberdrusses am rein theoretischen Leben, wie er in ihrer tätigen Natur nicht selten war — ein kleines Mädchen an Kindesstatt angenommen, „um durch das Hantieren mit irgendeinem lebenden Geschöpfe selbst lebendig zu bleiben und Interesse am Leben zu haben"40). Nun aber zieht sie sich enttauscht und von vermeinter Schuld beladen ganz von allem zurück, was bisher Hauptinhalt ihres Lebens gewesen ist: von Büchern, Philosophie und — Philosophen. Gewiß, sie ist diesem Entschluß später nicht unwandelbar treu geblieben; manch persönliche Berührung mit philosophischen Freunden — besonders mit Reinhold — konnte sie in späteren Jahren noch wieder auf die alte, einstmals so sehr geliebte 38) Jacobi, Werke 1819: IV, 2, 176 ff. 39) 9.5. 1786. Hs. im Besitze der Familie Sieveking. *<>) E. R. an H. 16.8.1785. 187