Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4
- Article
- Elise Reimarus und Moses Mendelssohn
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 176 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bertha Badt-Strauß. Elise Reimarus und Moses Mendelssohn Entlastet von des Staubes Hülle Geht er nun fort die große Bahn Des Lichtes, wo aus Gottes Fülle Er jede Kenntnis mehren kann . . .9). In denselben Jahren aber vollzieht sich — wie wir aus der obigen Aeußerung über Mendelssohn (die schon aus dem Jahre 1776 stammt und noch durch andre Stellen in diesen Briefen unterstrichen wird) sahen — ihr beginnender Zweifel und innerer Abfall von dem Eudämonismus ihres Vaterhauses ohne daß sie jedoch (und darin bleibt sie den Traditionen grade dieses Vaters treu!) viel mit ihrer Umgebung darüber gesprochen zu haben scheint. . . . Wärs nicht um der Ruhe einiger teuren Personen willen, ich hätte mich längst von dem verhaßten Zwange losgemacht, der mir täglich mehr zur Last wird. Denn was können wir auch in der Tat Besseres für die Religion tun, als wenn wir durch unser Beispiel der Welt zeigen, daß es außer dem Christentum nicht nur ebenso gute, sondern noch etwas bessere Menschen gibt als in demselben . . .10). Ohne die Zeitfolge dieser Aeußerungen allzu sehr pressen zu wollen (sicher schwankt das Zünglein an der Wage bei ihr hin und her wie in allen seelischen Vorgängen, die Grundfesten des Seins erschüttern), wird man sagen können: Zweifel an ihres vergötterten Mendelssohns Unsterblichkeitslehre im „Phaedon" sind es, die zuerst die Umwandlung hervorbringen, die dann durch des Lebens Schicksalsschläge gefördert wird und aus der eudämonistischen Aufklärerin eine radikale Zweiflerin macht. Da es aber nun der Mendelssohn des „Phaedon", den die Welt verehrte, nicht ist, der Elise so mächtig an sich zog, daß sie zu seinen Füßen sitzen und aus seinem Munde Weisheit schöpfen wollte: worauf gründet sich ihre Verehrung denn? — Gewiß, sie hat seine ästhetischen Schriften damals fleißig gelesen, führt auch in ihren Diskussionen mit Hennings häufig Mendelssohn, „den Lehrer des Schönen und Guten" an. Und doch würde dieser Ruhm des Aesthetikers nicht ausreichen, um ihm in ihren Augen die überzeugende Stellung zu geben, in der wir ihn erblicken. So merkwürdig es klingt: ihre Verehrung gilt vorwiegend Moses Mendelssohn dem Menschen und Juden. Die Tochter des Fragmentisten hatte von ihrem Vater wohl lebhaftes Interesse an allen Menschen geerbt, die „außer dem Christentum" stehen, aber durchaus keine Vorliebe für die Juden als Juden. Denn der alte Reimarus, der Lehrer und Kenner der hebräischen Literatur, hatte zwar keine Mühe gescheut, eine für jene Zeit besonders umfassende hebräische Bibliothek anzuschaffen (wir können die einzelnen Bücherkäufe noch heute aus seinem sorgfältig geführten Wirtschaftsbuche verfolgen); aber den biblischen und nachbiblischen Juden war er als den Menschen, welchen die von ihm angezweifelte Offenbarung zuteil geworden sein soll, niemals gewogen. Seine Kinder, sowohl der Arzt und Philosoph Johann Albert wie die Tochter Elise; übernahmen — fast instinktmäßig — diese Stellung. Elisens Briefe 9) „Morgengedanken nach dem Tode des H. Kaufm. Schwalbe in Hamburg den 15. Febr. 1775 von Demoiselle Reimarus." Hs. im Bes. von Dr. Gaedechens- Hamburg; eine Abschrift findet sich im Staatsarchiv Hamburg. ") E. R. an H. 30.12.1777. 176