Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4
- Article
- Elise Reimarus und Moses Mendelssohn
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 5)
- Language
- German
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Bertha Badt-Strauß. Elise Reiniarus und Moses Mendelssohn an Lessing sind nicht ganz frei von antijüdischen Bemerkungen im Stile der Zeit (wie wir sie etwa aus den Briefen der Frau Rat Goethe stärker kennen); und der Bruder hielt, wie wir noch sehen werden, die bürgerliche Verbesserung der Juden seiner Zeit für ein aussichtsloses Unternehmen. Da nun tritt ihnen allen inmitten dieses verachteten Stammes ein Mann entgegen, dem sie höchste menschliche Achtung nicht versagen können. Nicht umsonst stand auf dem Titelblatt der französischen Ausgabe des „Phaedon" „Juif de Berlin": daß Moses Mendelssohn dies Werk als einer von den verachteten Parias schrieb, das mehrte seinen Wert in den Augen der damaligen Zeit. Ebenso ging es wohl Elise: daß dieser Philosoph der Vernunft aufwuchs „unter den Unwürdigkeiten einer Religion, deren Zwang er jeden Tag fühlt, und zum Dienste eines jeden polnischen Schacherjuden bereit sein Leben einen Tag wie den andern hinbringt" — das weckt ihre immer erneute Bewunderung und läßt sie dem jungen Hennings kein edleres Menschenbild zum Meister hinstellen als diesen jüdischen Weisen. Merkwürdige Verkettung, daß dieser Grund ihrer anfänglichen Bewunderung endlich doch zur Entfremdung führen mußte: als sie mählich entdeckte, wie sehr der Philosoph der Vernunft doch im Herzen „Stockjude" geblieben war. Zunächst freilich liefert Hennings' Schrift „Ueber die Vernunft" (1778), die Mendelssohn zum Druck befördert, Anlaß zu näherer Berührung der Hamburgerin mit dem Berliner Juden. Als einen Freundesdienst, dem sie sich gewiß nicht ungern unterzog, betrachtet sie es, Mendelssohn in Hennings7 Namen ein Druckfehlerverzeichnis zu schicken; kann sie ihm doch dabei gleichzeitig sagen, „daß ich Herrn Mendelssohn, und zwar nicht erst seit gestern, von ganzem Herzen verehre"11). Es scheint dann, als ob gerade Hennings, der Vermittler der Freundschaft, in den nächsten Jahren manchmal zum Hinderer wurde. Einmal ist er mit einer Rezension seines Olavides in der „Bibliothek" nicht zufrieden; Elise muß alle Mühe anwenden, ihn davon zu überzeugen, daß Mendelssohn daran unschuldig ist, und rät ihm immer wieder, gegen Mendelssohn nicht mehr zu„launen". Sie erscheint hier zum ersten Male in der Rolle der Vermittlerin zwischen zwei Männern, für die ihre schlanken Finger besonderes Geschick gehabt zu haben scheinen. Tiefer hinein in die Nähe und Ferne dieser menschlichen Beziehungen führt eine Diskussion zwischen Mendelssohn und Hennings über den umstrittenen Begriff des Vorurteils, wobei auch Elise hinter den Kulissen Partei ergreift. Mendelssohns eigene Stellung zu dem Begriff des Vorurteils, diesem Schibboleth der Aufklärung, hatte sich einigermaßen gewandelt, seit er 1757 zu Lessing über die Macht klagte, die das Vorurteil über die Gemüter habe. Schon im Briefwechsel mit Abbt (1765) erkennt er die „Wahrheit", die einigen der Vorurteile anhafte12). Und jetzt vollends scheint er im Gegensatz zu dem ungestümen Aufklärer Hennings, dessen Natur nach seinen Worten an Elise mehr des Zügels E. R. an Mendelssohn 28.4.1778. 12) Vgl. Moses Mendelssohn Jub.-A. XI, 425 Anm. zu Nr. 48. 177