Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4
- Article
- Elise Reimarus und Moses Mendelssohn
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 175 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bertha Badt-Strauß. Elise Reimarus und Moses Mendelssohn „Phaedon" (1767) galt Mendelssohn aller Welt in Deutschland und über seine Grenzen hinaus als der „deutsche Sokrates". „Phaedon" war eines der ersten philosophischen Bücher, die der junge Goethe studierte; Winckelmann nannte es eines von den besten Büchern, die er gelesen habe; und als der junge Herder seine spätere Braut Caroline Flachsland kennen lernte, traf er sie über dem „Phaedon" an. In der Welt der Hamburger Aufklärungsfreundin aber werden späterhin gerade der „Phaedon" und seine Unsterblichkeitslehre Anlaß zu erster leiser Entfremdung von dem vergötterten Lehrer. Elise Reimarus hatte in diesen Jahren durch den Tod einiger ihrem freundschaftsglühenden Herzen teurer Menschen — so besonders des Kunsthändlers Schwalb — das Problem des Lebens nach dem Tode unter eigner heftiger innerer Erregung nochmals durchgedacht. Spuren dieser Erregung sind noch unverkennbar in den folgenden Worten, die zuerst auch die Wehmut eines noch verhüllten Abschieds von einem geliebten Lehrer atmen: . . . Hereafter! Welches große Wort habe ich ausgesprochen! und doch habe ich mich so lange über dasselbe hinausgeschwärmt, bis es mir gelungen ist, ihm nun so ruhig, so heiter, so gelassen als einer jeden andern süßen) Chimäre entgegen zu sehen, von der wir nur noch dann und wann träumen, als ob sie etwas Wirkliches sein möchte. Ich wünschte, wir säßen itzt vereint bei Mendelssohn, um unter dem Vorsitze dieses unseres Schutzheiligen nun über das Alles weiter zu schwärmen oder ihm unsre Sünde abzubitten, daß er selbst uns nicht bekehrt hat6). Um die Tragweite dieser Worte zu verstehen, müssen wir hier einen kurzen Blick auf die religiös-philosophische Entwicklung dieser Freidenkerin werfen. Elise Reimarus war als Tochter ihres Vaters wohl mit dem Glauben an die Unsterblichkeit, der aus eudämonistischer Wurzel keimte, aufgewachsen. Hermann Samuel Reimarus teilt mit den Aufklärern die Ansicht, Gottes Weisheit, Liebe und Gerechtigkeit gegen die Menschen könnte nicht gerettet werden, wenn kein andres Leben wäre, worin diese Disharmonie aufgelöset und, wie in dem letzten Akte der Schaubühne die gekränkte Unschuld gekrönet, die tobende Bosheit gestraft würde. Sehr bezeichnend führen diesen Gedanken frühe Aufzeichnungen der Tochter und Schülerin weiter. Ja, ich werde unsterblich sein: dieser Durst, den nichts hier sättiget, sagts mir, daß er gesättiget werden muß, oder er wäre nicht da . . . Sollte Der, dessen unbegrenzte Güte eine Welt schuf, daß sie außer ihm Seligkeit genösse, der die Bestimmung eines jeden Tieres nach dem ihm angeborenen Trieb erfüllt, allein die Bestimmung des Menschen, die hier nicht vollendet sein kann, unvollständig lassen und jenes unruhige Sehnen, um welches allein er die Mühe zu leben erduldet, nicht befriedigen — O Ewiger, wenn dieser Gedanke keine Gotteslästerung ist, so ist gar keine!7). Die Leidenschaft dieses scheinbar leidenschaftslosen Lebens, der Durst nach Erkenntnis, führt sie zum Unsterblichkeitsglauben; und die gleiche Leidenschaft scheint ihr allgemach diesen Glauben geraubt zu haben. Wann? und durch wessen Einfluß? Das geht auch aus den zahlreichen Aeußerungen über diese Frage in ihren Briefen und ihren Aufzeichnungen nicht klar hervor. Noch nach Freund Schwalbs Tode (15. 2. 1777) betrachtet sie dies Unglück zunächst als einen Akt der Vorsehung, die „so einen freien, tätigen Geist als Schwalbens seinen schon zu etwas Anderm brauchen konnte als das Bischen Lebens und Lachens hier."8). Und in einem Trauergedicht auf seinen Tod sieht sie ihn 6) a. a. O., 24.4.1776. 7) Aus dem handschriftl. Nachlaß der Elise Reimarus im Besitze der Familie Sieveking in Hamburg. 8) E. R. an Hennings, März 1777. i* 175