Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 4 · p. Seite 174

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 4
Article
Elise Reimarus und Moses Mendelssohn
Date
1932-01-01
Page
Seite 174 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2259275-2259293-2259297-2261580--3909-2261632
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Bertha Badt-Strauß. Elise Kcimarus und Moses Mendelssohn gleichfalls nicht ohne weiteres bestimmbare Stellung der Hamburger Aufklärer zur Judenemanzipation verständlicher als bisher. * Der Briefwechsel der Hamburgerin mit dem vertrauten Freunde und Verwandten August Hennings ist von den genannten vielleicht die aufschlußreichste Quelle; denn hier spricht sie — oder sprechen beide — offener und unverhüllter als in den Briefen an Mendelssohn selbst. Hennings ist ja überhaupt erst der Vermittler persönlicher Beziehungen zwischen dem Berliner Philosophen und der Hamburgerin geworden, von deren Bruder er 1772 einen Empfehlungsbrief an Mendelssohn erhalten hatte. Wenn der Vorhang sich über den beiden Briefschreibern hebt (der erste der von Elise an Hennings erhaltenen Briefe stammt aus dem Jahre 1775), nimmt Mendelssohn fast die Stelle eines^Sdmtzliejligen" in ihrem Bunde ein — und so wird er auch von Elis^genannt. Es scheint, als ob der philosophische Jude, dessen persönliche Art ihr Lessing und Hennings wohl geschildert hatten und dessen Schriften sie studierte, ihr in dieser Zeit fast höher gestanden hat als Lessing, gegen dessen Lust am „Maskentragen" die gradlinige Aufklärerin manchmal etwas einzuwenden hatte. Kommt Campe auf seiner abenteuerlichen Flucht aus Braunschweig nach Hamburg, so schätzt man ihn dort vorzüglich, weil er „ein Mann aus der echten Mendelssohnschen Schule ist". Und wenn von einem Schwärmer die Rede ist, so rät der „Doktor", Elisens philosophischer Bruder, man müsse es machen wie die Mendelssohns und Eberhards . . . „sie lassen die Hamanns und Herders vorbeitaumeln . . ." Ja, diese Mendelssohn-Verehrung geht so weit, daß Elise Reimarus ihn einmal förmlich zum Leitstern ihres Lebens erwählt: „Nein, ich bete nicht mit dem Grafen Stolberg: gib mir das Einige, gib mir Fülle des Herzens, sondern mit Mendelssohn: laß mich wählen, überdenken, empfinden . . ,"3). Und „den Mann, der mehr als Delphoi untrüglich ist", nennt ihn die sonst mit Superlativen sparsame Hamburgerin in der gleichen Zeit4). Als Hennings 1775 von Berlin nach Dresden übersiedelt, wünscht ihm die Freundin vor allem dort einen „Moses" zu finden, der ihm in der Wüste des Geistes „lebendiges Wasser" aus dem Felsen schlüge, und mahnt ihn, doch ja diesen „würdigen Israeliten" nicht zu versäumen. Dann aber stimmt Hennings 1776 in seinen Briefen ein wahres „Tedeum" an über Mendelssohns Anwesenheit in Dresden; und wie ein Echo klingt es aus Hamburg zurück: „ . . . Ich fühle so sehr, was das sagen will, Mendelssohn bei sich zu haben, daß ich gerne einen Teil meines Lebens aufgeben möchte, um den andern zu den Füßen dieses Gamaliels zubringen zu können und aus seinem Munde und Geiste Wahrheit zu schöpfen . . ."*). Worauf gründet sich diese geradezu schwärmerische Verehrung der „unschwärmerischen" Frau? Seit dem Erscheinungsjahre des 3) Elise Reimarus an Hennings 18. 11. 1777. — Der Briefwechsel der Elise Reimarus mit A. (von) Hennings befindet sich in sorgfältig gebundenen, wohl auf H. selbst zurückgehenden Abschriften in der Hamburger Stadt- und Universitäts-Bibliothek. Eine zweite Abschrift, die auf Hennings' Enkel Prof. Wattenbach zurückgeht, besitzt Prof. Fritz Behrend in Berlin, dem ich auch an dieser Stelle für die freundliche Ueberlassung der Handschrift bestens danke. *) a. a. O., 30.12.1777. *) a. a. O., 26.8.1776. 174

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.