Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 128 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2259275-2259293-2259296-2261446--3850-2261528- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Otto Kluse. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus Man darf bei dem, was durch die Humanisten für weitere Kreise geschah, nicht übersehen, daß manche stille Gelehrtenarbeit im Ringen mit dem Stoff hier Werte schuf. Erzwingt diese imposante Arbeit auf diesem weitschichtigen Gebiet nicht die Sympathie der Nachwelt, an die das Dogma von dem Unwert des Heroismus nicht heranreicht? Es war eine große, außerordentliche Aufgabe. Und wenn die Gelehrten auch zuweilen unruhig und ratlos sehr Verschiedenes ergriffen und zusammentrugen und in ihrer Retouchiermethode verarbeiteten, bald schonungslose Kritik an dem Ueberlieferten übten, bald mit Anhänglichkeit das Erbe der Väter verteidigten — immer taten sie es, um Platz zu schaffen für neue Erkenntnisse und neues Leben. Auch ihre Werke haben neuen Werken weichen müssen. Sie führen heute in nur wenigen Exemplaren in den größten Bibliotheken ein Schattendasein. Welches Menschen Wille und Kraft könnte Werke •erhalten, die sich nicht selbst erhielten? Die Hebraisten haben alle eine stark menschliche Seite, wenn auch Originale -wie E. O. Schrekenfuchs (s. o. S. 123) gewiß selten waren, der seinem Haß gegen die Freiburger Geistlichkeit dadurch Ausdruck gab, daß er mit seinen Söhnen einen Priester, der bei ihm zu Gaste war, verprügelte117). So mensch- Ech fühlten und führten sie sich, daß sie bisweilen bei ihren theologischen Fakultätskollegen anstießen. Dies passierte Böschenstein, der mit Luther ständige Konflikte hatte (s. Teil I, S. 181); es ist bekannt von Franz Stancarus) aus Mantua (s. o. S. 111), der schließlich in Wien wegen seiner Häresien entlassen wurde118); es ist auch bekannt von dem hervorragenden Orientalisten W. Postellus (s. Teil I, A. 40 u. 113), der in Paris die Jesuiten beleidigte, .zweimal aus dem Lehramt gejagt und ins Gefängnis gesetzt wurde, „lorsque son cerveau etoit le plus derange, lorsqu'il n'etoit qu'ä demi-fou"119). Die Hebraisten waren seit Anfang des 16. Jahrhunderts Universitätsprofessoren, oft genug vom Zauber der transzendentalen Wissenschaft in die Welt des Menschendienstes, des realen Schulkreuzes, der miseriae paedagogorum zurückgerufen. Sie waren Lehrmeister; aber sie thronen nicht wie Götter im Olymp, sondern bewegen sich unter ihren Schülern wie Ihresgleichen, eben weil sie mit dem Stoff ringen mußten wie Jakob mit dem Engel, anders als ihre klassischen Kollegen, und oft der Meister vom Lehrling lernen konnte oder bei einem anderen Meister sich nach Hilfe umsehen mußte. Sie konnten den Suchenden etwas sein, weil sie selbst Suchende waren und nie aufhörten an sich zu arbeiten. Und das hängt wieder zusammen mit dem Charakter der Sprache, wie sie damals sich darbot, kein flüssiges formbares Erz, sondern harter Stein. Und über allem strahlt nicht die Sonne Homers, zuckt nicht der Blitz Jupiters, sondern thront der allmächtige ewige Jahwe, der Gott des Gesetzes und der Propheten und ihrer kulturschaff enden Lehre. Auf diesem Grund vollziehen die Besten unter den Hebraisten die Synthese zwischen jüdischem Geist, wie er als schicksalreiches Geschenk des Orients an den Westen 116) G. Ritter, Die geschichtliche Bedeutung des deutschen Humanismus. Hist. Zs. 127. München u. Berlin 1923, S. 393—453. S. 399. i") Schnurrer, S. 118. "8) R. Kink, Geschichte der kaiseri. Universität zu Wien. Wien 1854. Bd. 1, S. 270. 119) Flacius Illyricus (s. o. S. 105) behauptete, es habe eine Legion von Teufeln in dem Körper dieses Armen sich eingenistet. Des Billons, Nouveaux eclaircissements sur la vie et les ouvrages de Guill. Postel. Liege 1771. S. 96. 103. 128