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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 127

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 2-3
Article
Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
Date
1932-01-01
Page
Seite 127 (sequence 28)
Language
German
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Otto Kluse. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus Forster ist der Mann der entgleitenden Pointe; je ernster seine Nachfolger nach ihr suchen, desto mehr verlieren sie sie und mit ihr die Liebe und den Enthusiasmus. Das Sprachstudium wird Zwang, die Sprachkenntnis Dekoration und Schablone. Es ist das Ineinandergreifen dreier Sphären, das den Gegenstand zum Problem macht: der jüdisch-rabbinischen, christlich-theologischen, wissenschaftlich-humanistischen. Ein Problem gegenüber der Tatsache der Interkonfessionalität und Internationalität der Wissenschaft. Gewiß gibt es fast keinen größeren Gegensatz der vergeistigten Wesensart als zwischen den jüdischen und den christlichen Hebraisten: dort gleichsam die starre Ruhe des Morgenlandes, hier die behagliche Lebensfülle des Abendlandes — ein Verhältnis wie zwischen Spinoza und Goethe. Die jüdische Gelehrtentätigkeit rührt an die innersten Tiefen der Sprache. Man muß billig erstaunen über die unbeugsame Regsamkeit der Männer dieses Volkes, das einem harten Druck ausgesetzt war und doch an seinem Teil eine rührige Mitarbeiterschaft an der Geistestätigkeit in Deutschland zu Tage förderte. Die Reformatoren — soweit sie sich zum humanistischen Gedanken bekannten — haben von ihnen gelernt, auch wo eine schulmäßige Kenntnis und Abhängigkeit sich nicht nachweisen läßt. Schöpferische Geister waren sie nicht, wie laute Worte sie auch machen. Erst in ihrem Bekenntnis zu ihren Vorgängern, wie es später die beiden Buxtorf gaben, bewiesen sie das Verständnis der Sprache. Und vergessen wir nicht, daß an diesen philologischen Quellen ein gut Teil Judentum hängt. Allen Hebraisten gemeinsam ist die Ueberzeugung von der geistigen Bedeutung der Sprache für das religiöse Erlebnis. Die Verantwortung für das anvertraute Wort Gottes und die Weitergabe der Offenbarung von Geschlecht zu Geschlecht durch Ueberlieferung, Uebersetzung und Auslegung verpflichtete zur Pflege der Sprache — sie selbst nur ein Versuch, das Unaussprechliche aussprechbar zu machen. So wurde die ursprüngliche und eigene Form des Gotteswortes das Zeichen für die Echtheit der religiösen Erfahrung. Ueberall regte sich treuer Fleiß, den Bildungsbedürfnissen zu entsprechen. Daher der rasche Entwicklungsgang, den hebräische Grammatik und Lexikographie in dem knappen Zeitraum von 60—80 Jahren nahmen, ein rascherer als der der anderen Wissenschaften im Mittelalter. Eine Entwicklung unter Hochspannung. Die kompilatorische Methode der Sprachforschung war die mittelalterliche; die Verbindung dieser Methode mit einer wissenschaftlichen Gesamtauffassung, die allgemeine geistesgeschichtliche Neuorientierung, trägt den Charakter der Neuzeit. Trotz alles polemischen Eifers gegen die Traditionsbelastung der jüdischen Methode und trotz ihrer Vorliebe, sich als wissenschaftliche Reformatoren darzustellen, nehmen die Humanisten ihren Wissensvorrat aus dem so geschmähten Herkommen. Aber sie gestalten das Studium um nach ihrem Programm, emanzipieren sich hierin und sind sich eigene Autoritäten. Auch darin zeigen sie ihre systematische Begabung, daß sie den Unterrichtsbetrieb umgestalten und verbessern. Fj ist anzunehmen, daß der Donatus hebraicus (Hamburg 1591. Hoffmann, Jesch. VI, S. 149) das Schicksal seines, berüchtigten lateinischen Bruders, dem er nicht nachstand, geteilt hat: ein pädagogischer Fortschritt, von dem die Wissenschaft nicht unberührt bleibt. Auch in der Entwicklung des hebräischen Sprachstudiums, der Unausgeglichenheit von Tradition und neuem Geist, zeigt sich also der „eigentümlich schillernde Zwittercharakter der humanistischen Bewegung"116). 127

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