Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 123 (sequence 24)
- Language
- German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus literaturkundige Neander. — Sturm tritt für einen klaren und kurzen Unterricht ein90); die Grammatik des Clenardus ist ihm noch zu weitläufig91). Nach der Grammatik soll möglichst bald die Genesis gelesen werden92). Seine Forderung an den Hebraeus interpres, die Spracherscheinungen zu beobachten und in organischen Zusammenhang zu bringen, zeigt, daß man über den Schematismus der ersten Zeit, der sich mit dem empirischen Sammeln begnügte, hinaus war. Er schreibt im Anhang des 1. Bandes der „Institutio": „In vocabulis eandem sequatur viam . . . ut vocabula non viginti quatuor literis distinguantur, sed generibus in ordinem cogantur eademque genera suis partibus ac formis dividantur"93). Diese Methode, die Wörter nach Wurzeln zu ordnen, hatte freilich schon Reuchlin befolgt, und dieser hatte sie von Kimchi gelernt (s. Teil I, S. 85). Das zunehmende Sprachverständnis wurde von den Humanisten für die Methode nutzbar gemacht. So kam man zu den Anfängen einer systematischen Behandlung der Grammatik, d. h. zu einer solchen, die die Erscheinungen der Sprache in ihrer Gesetzmäßigkeit erfassen lehrt. Die geringe Möglichkeit, die hebräische Sprache nach der formalen Seite zu Imitationszwecken zu benutzen (s. o. S. 120), hätte es eigentlich verbieten sollen, sie als bloßes Mittel für einen außer ihr liegenden Zweck zu behandeln. Dennoch gab es, besonders unter den jüdischen Kollegen der Humanisten, Ideologen, die Wert legten auf die Fähigkeit, hebräische Briefe, Gedichte und Vorreden zu schreiben. Derartige Elaborate finden sich vereinzelt als Schülerarbeiten. E. O. Schrekenfuchs hielt 15 5 2 eine hebräische Leichenrede auf seinen Lehrer S. Münster9*) und begleitete dessen hebräische Grammatik in 2. Auflage mit einem nichtssagenden hebräischen Briefe95). Hebräische Briefe findet man in Reuchlins Briefwechsel, eine Sammlung ungedruckter hebräischer Briefe aus den Jahren 1517—55 bei Perles96). Ein hebräischer Brief des Tremellius (s. u. S. 125) befindet sich im Vorwort von A. R. Cevallerius, Rud. ling. hebr., Genf 1560. Ex.: Bln. St.—B. Steinschn. 384. F. L. Hoffmann, Jeschurun VI, S. 45 f., Drerup, S. 144 ff. Andreas Masius (s. o. S. 107) schrieb aus Löwen, Luzern, Wien, Frankfurt hebräische Briefe an Münster, Fagius, Widmanstadt, Postel. Auch in Münsters Vorrede zu seinem Dictionarium trilingue (1. Aufl. Basel 1543. Vorrede vom Juli 1530!) ist von hebräischen Briefen des Masius die Rede. Münster veröffentlichte ferner einen von El. Levita an ihn gerichteten Brief in seiner Ausgabe von D. Kimchis Kommentar zum Propheten Arnos (Basel 1531) und bemerkte dazu: „Alias vero epistolas, quas idem Elias et alii multi Judaei ad me scripserunt, alio tempore evulgabimus"97). Diese Art der Literatur bietet ja im Hebräischen selbst für Experte weit größere Schwierigkeiten und verlangt viel größere Vorsicht als in derjenigen Sprache, die schon seit längerer Zeit im gelehrten Verkehr die eigentliche Briefsprache geworden war und einen gewissen 90) „Praecepta tradat brevia et perspicua". Institution I, S. 138 und 645. 91) Institutio, II, S. 84. Ueber Clenard s. u. A. 102 und o. A. 69. 92) „Moyses interpretatione est explanandus". Institutio, I, S. 51. 93) Institutio, I, S. 645. 94) „Oratio funebris, quam edidit M. Erasmus Oswaldus Schrekhenfuchsius Austriacus ... de obitu doctissimi viri Sebastiani Munsteri praeceptoris sui." 52 S. Als Anhang an des Verf. chaldäische Uebersetzung des Hohenliedes und Predigers. Basel 1553. 285 S. 8°. Vgl. Schnurr er, S. 113 f. In ihrer Eindringlichkeit und ihrem Reichtum an Figuren und Bildern erinnert die Rede an die klassischen Vorbüder der prophetischen Trauerreden um das gefallene Israel. 9*) S. Teil I, S. 189. W. F. Hetzel, Geschichte d. hebr. Sprache. Halle 1776, S. 163. 9*) Perles, S. 154—232. 97) Peritz, S. 2. 123