Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 121 (sequence 22)
- Language
- German
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Otto Kluse. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus nach gewesen sein. 1525 schrieb er an Beatus Rhenanus: die lateinische Sprache, das Werkzeug Roms zur Unterdrückung der Leiber und Geister, besitze nichts Ausgezeichnetes, das man nicht vollkommener im Griechischen oder Hebräischen habe79). Auch Zwingli hätte in der Aufzählung der Sprachen am liebsten dem Hebräischen den ersten Platz eingeräumt, weil es mehr als die andern hilft, den rechten natürlichen Sinn der Schrift zu ergründen80). Die Ueberordnung des Hebräischen über die klassischen Sprachen, hervorgegangen aus dem Streben, die gesunkene Frömmigkeit wiederherzustellen, erscheint uns heute als Manier; sie spukte aber wirklich in den Köpfen einiger Enthusiastenl Erasmus, der jetzt die Wiederbelebung des Judaismus ebenso fürchtete wie sonst den Paganismus, beschwert sich darüber bei Melanchthon, und Heinr. Loriti Glareanus schreibt darüber (1524) in klagendem Ton an W. Pirckheimer81). Die Methodik der Spracherlernung war einerseits bestimmt durch den damaligen Stand der hebräischen Sprachwissenschaft, anderseits abhängig von den herrschenden Methoden des Sprachunterrichts überhaupt82). Die Fachgelehrten des pädagogisch interessierten Zeitalters nahmen sich bald dieses Gebietes an und dachten über die beste Art des Verfahrens nach. Melanchthon äußert sich darüber in der oben (S. 101, A. 2) zitierten Stelle seines Briefes an Herzog Friedrich: „Wir lernen das Hebräische nicht durch Sprachmethode und freien Gebrauch wie die Juden, sondern aus der Grammatik in Regeln gefaßt und aus der Lektüre." Etwas weiter führt uns das Programm des Paul Staffelstein in Heidelberg („religione quondam Judaeus, nunc vero discipulus nobiscum Jesu Christi"), das der Rector in der Ankündigung der Vorlesung den Hörern vorletzt: „Grammatica tractabit compendia ac praecepta e scriptura petitis exemplis illustrabit. Idque curabit sedulo, ut ad phrasin . . . adsuefieri auditor possit"83). In Rostock werden hebräische Texte zur Erläuterung der Grammatik benutzt84). Wir bemerken also einen Fortschritt zur „induktiven" Methode. Ueber den damaligen Schulunterricht gibt uns M. Neander in seinen „Bedenken"85) Aufschluß. Er läßt den hebräischen Unterricht bei den Knaben im 16. Lebensjahr beginnen und empfiehlt als Lehrbücher Münsters „Opus consummatum" ™) J. W. Baum, Capito und Butzer. Elberfeld 1860. S. 340. Auf gleicher Basis finden wir die Ansicht vom Hebräischen als Ursprache der Menschheit verbreitet. S. Teil I, A. 40. 80) „alioqui Hebraicae merito primas (sedes) tribuissemus, quod sine huius schematis . . . multis in locis sudet, quisquis germanum scripturae sensum eruere velit". Zwingiis sämtl. Werke, Ausg. Egli-Finsler, Bd. II, S. 543. Auch Luther war dieser Trivialität zu Zeiten verfallen: „Der Griechen Weisheit, wenn sie gegen der Juden Weisheit gehalten wird, ist gar viehisch (omnino brutescit)". Tischreden, Weim. Ausg., Bd. I, S. 524. Ueber den Primat des Hebräischen über das Griechische im nachlutherischen Kreis spricht K. Borinski, Die Poetik der Renaissance. Berlin 1886. S. 25. 81) „Hi (die Leute) magno boatu clamitant non esse graeco Iatinove studendumy sat esse si hebraice et germanice sciamus". Pirckheimeri bpp. ed. Goldast, Frankof. 1610. p. 314. 82) Kluge, Methodik, S. lf. s3) 15. Mai 1551. Anschließend wird den Studenten gesagt: „nec leves ducant minas, quae de segniter discentibus studiorumque verorum neglectoribus clericis extant in Osea, quia dicit dominus iratus: Repulisti scientiam, repellam te, ne sacerdotio fungaris mihi". J. F. Hautz. Gesch. d. Univers. Heidelbg. Bd. I, S. 428 f. 8i) 1564. S. o. S. 111. S5) S. o. A. 46. Die Stelle bei Vormbaum, I, S. 757 f. 121