Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 120 (sequence 21)
- Language
- German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus 153872) für die zwei oberen Klassen an. Als Vorgänger Kybers wirkten damals in Straßburg Mich. Delius (Misner. f 1538)73), ein Reuchlin (gräzisiert Capnion)74), Flegel (t 1564)75), von dem Sturm sagt „etiam tabulas confecit non inutiles". Der Unterricht unterlag in allen Fächern Schwankungen; so erklärt es sich, daß der Rektor in späteren Jahren das Hebräische als obligates Lehrfach nicht beibehielt, es in den Lehrplan überhaupt nicht aufnahm. In den oben erwähnten Klassenbriefen schreibt er „Linguae hebraicae institutionem in curiis (d.i. auf dem Gymnasium) consulto non proposuimus". Es sei schon genug, wenn der Schüler vor Ablauf des 16. Jahres eine genügende Kenntnis der zwei andern Sprachen erreiche und den religiösen Unterrichtsstoff sich aneigne. Er könne das Hebräische ja extra ordinem lernen wie alles andre, wenn es nur gut sei und die klassischen Studien nicht benachteilige. Schließlich könne niemand zu dieser Sprache gezwungen werden. — Außer diesen negativen Gründen war der Hauptgrund gegen die offizielle Anerkennung des Hebräischen für Sturm sicher der Umstand, daß sich diese Sprache zur Imitation ebensowenig eignete wie zur eleganten Rede, zur wissenschaftlichen Darstellung und zu Gedankenabstraktionen76). Das war auch der tiefste Grund dafür, daß die Humanisten im allgemeinen nicht so hohes Interesse an dieser Sprache hatten wie die Reformatoren. Unter den Universitätslehrern sei noch D. Chytraeus genannt. Er kommt in seiner Schrift „De studio theologiae recte inchoando"77) in dem Abschnitt De studio linguarum auch auf das Hebräische, dessen „cognitio summopere necessaria" sei. Er verstand es offenbar nicht, war aber zu eitel es zu bekennen. Schweigend geht er darüber hinweg und ist ganz damit einverstanden, daß der Dekan der theologischen Fakultät in Wittenberg ,.gravi et salutari consilio" ihm das neutestamentliche Lektorat überträgt und sich selbst „die Interpretation des Moses und der Propheten" vorbehält, für die ihm Chytraeus das Zeugnis ausgezeichneter Fähigkeit ausstellt. Die Zeiten waren vorüber, in denen man die Hebraisten bestenfalls mit einem Achselzucken oder mit Worten der Geringschätzung abzutun pflegte. Unter den Schulmännern finden wir von Mitte bis Ende des 16. Jahrhunderts noch manche, die der Zentralsonne gleich Licht auf ihren Umkreis ausstrahlten durch Mitteilung der neuentdeckten Sprache. G. Praetorius in Magdeburg (1553—58) trug seinen Kollegen und Schülern hebräische Grammatik vor78), schrieb eine hebräische Grammatik in acht Büchern (Bas. 1558) und eine Commentatio de phrasibus hebraicis (Viteb. 1557 u. 1584). Der Straßburger Reformator Mart. Butzer (1491—1551), ein Mitarbeiter Capitos (s. Teil I, A. 107), gab sogar unter Mißbilligung der Wittenberger dem Griechischen und Hebräischen vor dem Lateinischen den Vorzug. Sein „Hechinger Latein", wie Melanchthon spottete, mag auch da- 72) Instirutio, I, S. 1—74. S. 51. 7S) Nach dem Straßburger Protokollbuch 1535 hatte er „4—8 Studenten nebst commensales" Zöglinge, die er unterrichtete und beherbergte. Engel, Schulw. i. Straßb., S. 52. 74) Anton Reuchlin, Sohn von Johann R/s Bruder Dionys, lebte i. d. Mitte des 16. Jahrh. als Professor der hebr. Sprache in Straßburg. Schnurrer, S. 17. 75) Matth. Flegel, auch latinis. Flegius, Musca (Fliege), Musa. A. D. B., 7, S. 112. Jöcher, II, S. 635. (?) 76) „Elegantiam latini sermonis difficulter fert lingua hebraea". Fagius, Praef. zu Levitas Tisbi, Bl. 4 a. Vgl. oben S. 108, unten S. 123. Dagegen rühmt das Heidelberger Manuale scholarium aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, das Zarncke aus den Inkunabeln der Münchener Staatsbibliothek ausgegraben hat, „apud Hebraeos non nihil sit doctrinae inventum". F. Zarncke, Die deutschen Universitäten im Mittelalter. Leipzig 1857. S. 2 (Prologus). 77) Witebergae 1560. 38 Bl. Bl. 14 a. Vgl. Kluge, Humanismus, S. 25. 78) H. Holstein, Das altstädtische Gymnasium zu Magdeburg 1524—1631. In Neue Jahrbb. f. Philol. u. Pädagogik, Bd. 130 (1884), S. 70. 120