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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 118

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 2-3
Article
Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
Date
1932-01-01
Page
Seite 118 (sequence 19)
Language
German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus ein Mittelding zwischen bibliographischer Nomenklatur und Textwiedergabe. Bald referiert der Verfasser, bald läßt er die Originale sprechen. Zuletzt wird eine Inhaltsangabe des Talmud gegeben, den Neander im Gegensatz zu dem haßbesessenen Nigri (s. Teil I, S. 87) ein „opus profecto tarn divina ac naturali quam politica ac regali sapientia undique plenum"65) nennt. Nach einer Inhaltsangabe der 14 Bücher des Rambam und Alphes66) machen den Beschluß Sentenzen aus Reuchlins Kabbalah67) und dem Mischnatraktat Pirque aboth mit lateinischer Uebersetzung und vergleichender Heranziehung deutscher Sprüchwörter. Diese Geister, in eine entsprechende mystisch-groteske Atmosphäre entrückt, läßt Neander mit dem Anspruch auf Klassizität auf die Zeitgenossen los. Man hat den Eindruck einer Unwissenschaftlichkeit, die sich in gesteigerte Betonung und Beteuerung von Wissenschaftlichkeit rettet, das Gefühl, daß einem hier was vorgemacht wird. Viel trug zu diesem Nimbus allerdings auch bei, daß diese Zeitgenossen vom Talmud nichts verstanden. Man konnte ihnen also mit einem gut Teil Dilettantismus und Phantastentum kommen. Außerdem übertreibt Neander die Wirkung dadurch, daß er das Magische der Sprache individuell-mystisch als fremdartige Formel für Seelenversenkung mißbraucht. Es wird nie an Menschen fehlen, denen der tiefere Sinn jedes großen Originalwerkes unerfaßlich ist und die deshalb meinen, ihn nur als Tiefsinn, als geheimnisvoll verhüllte letzte Weisheit, im Spiel mit sinnlosen Worten und Zahlen enthüllen zu können. In der Wiedertäuferstadt Münster wurde 1565 beim Rate ein Krüppel namens Reineke (Reinhard) angezeigt, der die leichtgläubigen Leute mit Zaubersprüchen und Wahrsagereien betrog und sich allerlei hebräisch sein sollender Sprüche bediente. Ueber diese Sprüche wurde der des Hebräischen kundige Rektor Herrn, v. Kerssenbroch (s. u. S. 116) als Sachverständiger vernommen. Er half sich aus der Verlegenheit, indem er vermittelte, und erhielt als Vergütung ein „verdel wynes"67a). Afterweisheit und Mystizismus als Folgeerscheinungen eines von der Wissenschaft abgekehrten Zustandes verhalten sich zu dieser wie" Aberglauben zum Glauben. Wir sahen, wie zur gleichen Zeit Thurneißer (Teil I, S. 192), ohne solide wissenschaftliche Vorbildung, vielmehr von Mystik und Aberglauben erfüllt, seine wirren Spekulationen und Absurditäten der Alchymie und Astrologie des Paracelsus nachbildete und dabei den Spleen hatte, sich akademisch-philologisch zu gebärden. Erfüllt von ihrem Jahrhundert stellen diese Leute ihre Produktivität ein auf den Probiemkomplex: Charlatanerie-Gelehrsamkeit und nehmen den Sprachtaumel zum dekorativen Anlaß einer pathetischen Interpretation, wobei sie in ganz überflüssiger Weise den Eindruck der indigesta moles durch die deutsche Sprache unterstreichen. Der Talmudforschung hat Neander keinen Dienst geleistet; er hat höchstens das Vorurteil, als sei sie eine intelligenzlose papierne Angelegenheit, gestärkt. Und seine wohlwollenden Leser, denen Hebräisch Hekuba war, werden die Lektüre mit dem Gedanken be- «) Neander, S. 265. 66) ebda., S. 275—78. Ueber Rambam (d. i. Maimonides) vgl. Kluge, Humanismus, S. 27 Anm. 1. Rambams Prologe zum Talmud übersetzte C. Pellikan ins Lateinische. Isaak Alphes, afrikanischer Rabbirter aus Fez (daher der Name), 1013—1103, verfaßte in Spanien ein Kompendium des Talmud. Jöcher, I, 296. Enc. Jud., II, S. 275 ff. 67) Die Kabbalah (= das Empfangene, s. o. A. 9), die jüdische Geheimlehre, hat Reuchlin dargestellt in zwei Werken: „De verbo mirifico libri tres", o.O. o. J. (Basil. 1494. Hain 13880) und „De arte cabbalistica libri tres", Haganovae 1517. Ueber ihre Herleitung von der mündlichen Ueberlieferung Adams bei den jüdischen Astrologen s. H. Güntert, Von der Sprache der Qötter u. Geister. Halle 1921. S. 19 ff. 70 f., Kluge, Humanismus, S. 16 A. 1. A. Erhard (Gesch. d. Wiederaufblühens wissensch. Bildung i. Teutschland. Magd. 1830. II, S. 259—62) meint, daß Reuchlins ars cabbalistica einen Torso darstellt und die Vollendung des Werks den Nachweis hätte führen sollen, wie die alte Geheimlehre in der christl. Weisheit sich auflöst. 67a) H. Detmer, H. v. Kerssenbrochs Leben u. Schriften. Münster 1900. S.52. 118

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