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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 117

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 2-3
Article
Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
Date
1932-01-01
Page
Seite 117 (sequence 18)
Language
German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts ähnlich wie einst Reuchlin durch einen einheimischen Juden seine hebräischen Kenntnisse sich verschaffen mußte60). Als ein Wegbereiter zur Theologie wollte Mich. Neander gelten, der bedeutende Ilfelder Rektor, „nach Melanchthon der andere Lehrer Deutschlands"61). Von seiner und seines Zeitgenossen Sturm Bedeutung für die hebräische Sprache handeln die nächsten Zeilen. In Ausführung des Melanchthonschen Gedankens (in der Vorrede zu Böschensteins hebr. Grammatik, s. Teil I, A. 69), daß niemand in den Wissenschaften wahrhaft zu Hause sei, der nicht mit der Kenntnis des Lateinischen die des Griechischen und Hebräischen verbinde, lehrte Neander an seiner Schule selbst Hebräisch und ging hierin ohne Zweifel weiter, als es in den Schulordnungen seiner Zeit vorgesehen war. Sein Studium in Wittenberg, der Einfluß Melanchthons brachten ihm das Hebräische nahe; seine Lernbegierde und ausgedehnte Schriftstellerei regten seine Schaffenskraft auch auf diesem Gebiete an. Neanders hebräische Grammatik62) besteht aus drei Teilen: einer 50 Seiten langen Einleitung mit zwei Widmungen und einer griechischen Elegie, der eigentlichen Grammatik (bis Seite 200, in Form von Fragen und Antworten nach Pellikans Muster, s. Teil I, S. 89; daher der Titel) und einem seltsamem Appendix: „Dicta quaedam veterum Judaeorum de Jesu Messia", der mit der Grammatik eigentlich gar nichts zu tun hat. Also ein Buch mit einem Doppelthema. Die Grammatik selbst ist ein übersichtlich angeordneter, fast tabellenartig kurzer Leitfaden. Nach dem Verbum (Abschn. 2) wird das Nomen behandelt (Abschn. 3), ein besonderer Teil (4) gilt der Schwächung und Veränderung der Vokale in Verb und Nomen. Den Schluß bildet die Erklärung von vier Abbreviaturen, deren sich die Juden bei ihren Kommentaren zur Bibel bedient haben. Das Werk, stark beeinflußt von El. Levita* zeigt einen im Unterricht erfahrenen, zielbewußten Pädagogen. Um so verwunderlicher ist der Anhang, ein damals besonders in griechischen Grammatiken üblicher sog. Liber gnomagyricus. Rabbinische Auslegungen des Namens Jehova werden der des Flacius Illyricus gegenübergestellt, Mose-Sprüche über Christus, den Messias, verglichen mit solchen des Onkelos; es folgen Exkurse über die Erbsünde in der Darstellung des Flavius Josephus, griechisch und lateinisch, Prophezeiungen über die Wiederkunft Christi im Buche Sanhedrin63), Auszüge aus einem Werk des Petrus Galatinus „de duplici doctrina Hebraeorum"6i), ein „Catalogus" von hebräischen Bibeln, von griechischen und lateinischen Ausgaben des Alten und Neuen Testaments mit kritischen Bemerkungen und Teilen aus den Vorreden, Inhaltsangaben von Bombergs und Fagius* Ausgaben des Targum. Stellt das Buch schon bis hierher starke Ansprüche an den normalen Verstand, so erfordert das Folgende höhere Begabung. Eine bunte Aufzählung der Schriften von Levita, Reuchlin, Münster, 60) J. Arnoldt, Fr. Aug. Wolf in seinem Verhältnisse zum Schulwesen u. zur Pädagogik. Braunschweig 1861. Bd. 1, S. 22. ei) 1525—95, in Ilfeld seit 1550. Kluge, Humanismus, S. 30. 62) S. Abkürzungen. 63) Ein Mischnatraktat über das jüdische Kriminalrecht. 64) Petrus Galatinus, am Anfang des 16. Jahrh., Franziskaner, Prof. in Rom, machte sich bekannt durch seine Schriften gegen die Juden. Jöcher, II, 829. Sein „opus de arcanis catholicae veritatis", aus einem Schriftsteller des Mittelalters (Raymundus O. P., Pugio fidei, Neuauflage Lips. 1687) abgeschrieben und 1516 vollendet, galt als treffliche Verteidigung für Reuchlin. Vgl. die Briefe P. Aperbachs u. J. Potkens an Reuchlin. Geiger, BrieTwechsel, S. 246. 257. Ueber des Galatinus durchaus zeitgemäßes (s. Teil I, S. 95) Plagiat schreibt Cornelius de Schepper 1553 an Andreas Masius und nennt diesen Diebstahl „parum candide". Briefe von A. Masius und seinen Freunden. Ausg. M. Lossen. Lpz. 1886. S. 136. 117

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