Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 113 (sequence 14)
- Language
- German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus Entwicklung geschadet hat und daß der wissenschaftliche Eifer oft im Dienst der Theologie mißbraucht wurde42). Dieselbe Bewegung, die den Universitäten die hebräischen Studien zuführte, begünstigte auch deren Eingang in die Schulen. Auch hier liegen die wirklich förderlichen Oedanken in der etwas zähen Kruste des Zeitgeistes gelagert. Den großen Reformatoren M. Neander und J. Sturm blieb es vorbehalten, sie aufzudecken und das Problem des Sprachstudiums seiner Lösung zu nähern. Wir treten damit aus dem Wissenschaftlichen in das Pädagogische des Sprachgebiets, wenngleich auch hier wie früher die Grenzen der Untersuchung nicht immer bestimmte sind. Das Hebräische, das gegenwärtig auf den höheren Schulen, da, wo es noch gelehrt wird, von Schülern in vorgerückterem Alter gelernt wird43), war im 16. Jahrhundert in beschränktem Maße auch Lehrgegenstand der Gelehrtenschulen. Es hatte dort um so mehr Heimatrecht, als diese Anstalten ganz besonders für das gesuchteste Studium, das der Theologie, vorbereiteten. Reuchlins Beispiel, der die Sprache erst in reiferen Jahren gelernt hatte44), fand doch nicht die Zustimmung der Lehrmeister. J. Forster z. B. sagt in 42) Auch heute noch dürfte es eine gewagte Behauptung sein, daß die semitische, speziell hebräische Philologie durch die alttestamentliche Theologie, die jener so viel verdankt, gefördert wird. Auch heute noch behandeln die christlichen Theologen das Alte Testament nicht philologisch, sondern lediglich literargeschichtlich und systematisch. Diese Erkenntnis lehrt nicht nur ein Blick in die Vorlesungsverzeichnisse der Universitäten, sondern auch eine Musterung der Publikationen des wissenschaftlichen Büchermarktes. Der Alttestamentler läßt sich garnicht auf philologische Fragen ein, die über sein Hebräisch hinausgehen. Frühere Ansätze, von den Theologiestudierenden Kenntnisse in semitischer Sprachvergleichung zu verlangen (Philologenblatt 1904, No. 23—25), wechselten mit neuerlichen Tendenzen, das Hebräische aus dem Theologiestudium zu entfernen. M. Havenstein sagt in bezug auf die Ausbildung der christlichen Theologen: „Für den, der in wissenschaftlicher Beziehung von Autoritäten abhängig bleibt, ist es im Grunde gleichgültig, ob er den Urtext oder eine Uebersetzung vor sich hat" (Die alten Sprachen und die deutsche Bildung. Berlin IQ 19. S. 8). Und dieser ganz undiskutierbare Unsinn fand an höchster theologischer Stelle Billigung. Der Orientalist Joh. Dav. Michaelis sagt von dem Theologieprofessor: „Auch das Allerbekannteste im Hebräischen, was er richtig weiß, nimmt er doch ohne den Beweis auf, guten Glauben an: denn die Bibel ist viel zu klein, als daß man aus ihr allein eine tote Sprache erlernen u. gleichsam entziffern könnte" (Beurteilung der Mittel, welche man anwendet, die ausgestorbene hebräische Sprache zu verstehen. Göttingen 1757. S. 337). M. spielte eine Rolle in der Diskussion über die Frage, ob die Inhaber theologischer Lehrstühle die berufenen Pfleger der hebräischen Sprachwissenschaft seien. Die Irrigkeit dieser Ansicht bewiesen im folgenden Jahrhundert die Namen Ewald, Lagarde, Delitzsch. Jenes Urteil geht also über seine historische Bedingtheit hinaus. Und J. Wellhausen ist nicht der einzige Theologe, der in die philosophische Fakultät „abgeschoben" wurde (U. v. Wüamowitz, Erinnerungen, Leipzig 1928. S. 188 ff.). Gehören die wissenschaftlichen Disziplinen, wie das Wüamowitz behauptet, wirklich ganz in die philosophische Fakultät? 43) Kluge, Methodik, S. 2. 44) S. Teil I, A. 47. A. Wesseling verallgemeinert das: „Fidelissimi interpretes linguam Ebraicam etiam senes didicerunt, quia iudicabant lectionem Ebraicam consulendam esse" (Oratio de studiis ling. Ebr. S. o. A. 26) Corp. Ref., XI, S. 712. Wesselings These wird noch unterstützt durch J. Potken, der orientalische Sprachen als Greis lernte: „iam senex linguas externas aliquas discere . . .". Potken, praef. Vgl. Baumgarten, 5. Bd., S. 96. Stef. Bodeker wandte sich als Fünfziger dem Hebräischen zu. Walde, S. 63. 4 113