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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 112

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 2-3
Article
Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
Date
1932-01-01
Page
Seite 112 (sequence 13)
Language
German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts lehrte hier 26 Jahre lang Isaac Levita. Er kam von Löwen, wo er 1547—51 am Collegium trilingue (s. o. A. 3) geweilt hatte, „pour etre instruit dans la religion chretienne et pour apprendre le latin. On lui demanda des lecons de grammaire hebraique et chaldaique" (Biogr. univ. XXI. 268. Neve, S. 335). Die Stellenbesetzung an den Universitäten geschah, wie heute nach einer gewissen prästabilierten Ordnung durch Vorschlag und Wahl aus dem Lehrkörper, so damals durch die Fürsten auf Empfehlung eines Gönners. Und es leuchtet ein, daß je weniger es auf diese Weise möglich war, die Mittelmäßigkeit auszuschließen (man denke an B. Caesar. S. o. Anm. 13 und in H. Eisemanns Neudruck die Briefe Karlstadts an Spalatin), um so mehr das persönliche Bekenntnis dabei eine Rolle spielte und die vorhandene oder fehlende Rechtgläubigkeit den Ausschlag gab. Luther und Melanchthon machten die Besetzung der Lehrstellen des Hebräischen von der Stellung des zu Berufenden zur Kirche abhängig: sie beförderten B. Ziegler in Leipzig, da er seine Fähigkeiten zum Nutzen der Kirche verwende, sie verhinderten G. Wicels Berufung nach Wittenberg, der wie Böschenstein aus einem eifrigen Reformator ein noch eifrigerer Katholik geworden war38). Luther stellte seine Kandidaten nur an, wenn sie 100 Prozent Reingewinn an den Zeitgeist abwarfen. Für die Berufung L. Edenbergers wandte er sich 1543 an den Kurfürsten Johann Friedrich, da er bei jenem die reine Lehre fand, „welchs alles vonnothen ist dem, der Ebräisch lesen soll. Denn viel Ebräisten sind, die mehr rabbinisch denn christlich sind, und doch die Wahrheit ist, wer nicht Christum sucht oder siehet in der Bibel und ebräischer Sprache, der siehet nichts und redet wie der Blinde von der Farbe"39). Schließlich kann man es der Wittenberger theologischen Fakultät nicht verdenken, daß sie keine Feinde der Reformation bei sich aufnehmen wollte; aber eben dies zeigt deutlich, daß das hebräische Studium eigentlich kein Sprachstudium mehr war. Die Konzentration auf das Theologische erlaubt es nicht, der philologischen Fragestellung allzuviel Raum zu geben, und anderseits ist es die Gefahr theologischer Grundeinstellung, daß sie die frische Produktivität fachwissenschaftlicher Arbeit hemmt, ohne die nun einmal positive Forschung nicht gedeihen kann. Mit fortschreitender Reformation kann man eine Verkirchlichung der Wissenschaft feststellen, und das war gleichbedeutend mit ihrem Rückgang. Demgegenüber ist es ein geistesgeschichtlich durchaus verständlicher Vorgang, daß die geistigen Häupter des Judentums das große Bildungserbe ihrer Sprache und Literatur bei der christlichen Kirche nicht sicher geborgen fühlten gegen die Gefahr eines Bildersturms der reinen Innerlichkeit, hinter deren Ethos sie statt einer weiten Erkenntnis ihrer Traditionszusammenhänge nur den engen Verstand des kleinbürgerlichen Nützlichkeitsfanatismus vermuten mußten. Der Einfluß der Kirche auf die Wissenschaft wirkte sich auch in den theologischen Streitigkeiten der Zeit aus40). Jede Zeit hat ihren bestimmten Bereich an Fatalität, aber auch ihre bestimmte Stelle, von der aus sie frei schaffen, die gegebene Fatalität als Material benutzen kann. Die Fatalität jener Zeit war die fluktuierende Verwirrung der Geister, die Unfähigkeit ein neues Weltbild zu prägen, der geborstene deutsch-protestantische Seelenraum. Seit Luthers Tod war vor die wissenschaftliche Beschäftigung die religiöse Bewegung getreten. Die theologische Fehde beanspruchte und fesselte die Gemüter derart, daß Fähigkeit und Wille zu freier wissenschaftlicher Tätigkeit schwand. Wenn man auch nicht so weit geht wie Paulsen und Geiger41) — letzterer stellt für das Jahr 1560 einen „völligen Untergang der Wissenschaften in dem allgemeinen Trubel theologischen Zankes" fest —, so muß der Kritiker doch zugeben, daß die theologische Richtung in der Wissenschaft der 3S) F. W. Kampschulte, Die Universität Erfurt in ihrem Verhältnis zu Humanismus und Reformation. Trier 1860. 2. Teil, S. 254. 59. 3») De Wette, Bd. 5, S. 606. Brief v. 3. Dez. 1543. 40) S. o. S. 107, und Kluge, Humanismus, S. 14. 41) Paulsen, I, S. 190 f. Geiger, Studium, S. 104. Vgl. Kluge, Humanismus, 112

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