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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 110

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 2-3
Article
Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
Date
1932-01-01
Page
Seite 110 (sequence 11)
Language
German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus Es sei bemerkt, daß Wesseling mit dieser negativen unter dem Gefühl des Gegensatzes an seiner Umgebung geübten Kritik ganz auf humanistischem Boden steht. Agricola und Erasmus (z. B. Allen, ep. 159, 59. 996, 43. 1238, 45) überbieten sich in ihren Briefen in absprechenden Urteilen über ihre ehemaligen und gegenwärtigen Landsleute. Durch ihre ausschließlich persönlichen und literarischen Interessen wurden die Humanisten aus den natürlichen Grundbeziehungen zu Familie, Vaterland und Volk gelöst; ihr Weltbürgertum ließ ein natürliches Heimatgefühl nicht aufkommen. Wesseling spricht nach dieser schmeichelhaften Verbeugung vor der Königsberger Kulturwelt — wie später H. Moller — von Nutzen und Notwendigkeit der hebräischen Sprache, von der Beredsamkeit des Jesaia, die größer sei als die des Demosthenes und Cicero, und verspricht — wie P. Eber —, bei Grammatik und Interpretation sich nicht in Widerspruch zur Kirche zu setzen27). Wesseling war ein friedlicher Geist, nicht nur den Worten nach, sondern auch in der Originalität seiner Beobachtung. Seine Ergebenheitsbezeugung der Kirche gegenüber gehörte nun einmal zu den Regiekünsten, die man von einem theologischen Professor verlangte. — In dem 1558 reformierten Heidelberg liest einer der drei Theologen28) fünfmal wöchentlich hebräische Grammatik und Altes Testament. Dreißig Jahre früher (1524—27) hatte hier Seb. Münster (Teil I, S. 189) den hebräischen Lehrstuhl innegehabt. An der 1558 von Wittenberg abgezweigten Universität Jena teilten sich die drei Theologen in die Erklärung des Jesaia, der kleinen Propheten und der Genesis. Das Matthäus evangelium wurde, da es ursprünglich hebräisch geschrieben sei, in hebräischer Sprache erklärt29). Daneben gab es in der Artistenfakultät eine Professur für griechische und hebräische Grammatik und Texte. Auch hier soll der Professor hebraicus bei den Interpretationsvorlesungen durch den Theologen Unterstützung finden. Man sieht, seine Stellung war eine eigentümliche, in der Mitte schwebende. J. Oekolampad in Basel, Erasmus' Gewährsmann und Sachverständiger bei Heranziehung des Hebräischen in seinem Bibelwerk (Vorrede zu d. Annotationes. Opp. Clericus, Bd. 6), und C. Pellikan in Zürich hatten derartige Stellungen inne. 27) „Sequar sententias probatas nostrae ecclesiae, quas solas et veras et nativas esse non dubito" (S. 715). 28) Es war Tremellius (s. u. S. 125). Nach den Universitätsannalen 1569 erklärte er das Buch Hiob. Die Anfrage der Regierung nach der Zahl seiner Zuhörer beantwortete er mit „zählt seine Zuhörer nicht; ihre Zahl ist etwa 35". J. F. Hautz, Gesch. der Univers. Heidelberg. Mannheim 1862. II, S. 58. Paulsen, I, S. 250. M) Im „Jenaischen Lektionskatalog vom Jahre 1564" kündigt der Neutestamentler Hildericus die Erklärung des Matthäusevangeliums an: „Cumque Matthaeus hebraice scripserit, eum in lingua hebraica interpretabitur". Strobel, Bd. IV, 2, S. 67. Die hebräische Urschrift des Matthäus-Evangeliums wird von einer uralten Tradition bezeugt. S. u. A. 88. Sie besitzt einen gewichtigen Sachwalter in Hieronymus, der aber selbst kein Exemplar des verschollenen Buches gesehen hat; sonst hätte er nicht den Text der vier Evangelien nach den griechischen Quellen verbessert. Papst Nikolaus V. (1447—55) setzte einen Preis von 5000 Dukaten für die Auffindung dieser Urschrift aus. J. Burckhardt („Die Kultur der Renaissance in Italien". 10. Aufl. Leipzig 1908. I, S. 215). Erasmus greift die Tradition vom hebräischen Ur-Matthäus an. Annot. opp. VI, S. 8, 23. Gegen eine hebräische Vorlage des Matthäus1 spricht vor allem die Stilverwandtschaft mit Marcus — den Erasmus mit Augustin für einen Auszug aus Matthäus hält — und auch mit Johannes. H. Schlingensiepen, Erasmus als Exeget. Zsch. f. Kirchengesch. 1929, S. 30. 110

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