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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 109

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 2-3
Article
Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
Date
1932-01-01
Page
Seite 109 (sequence 10)
Language
German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus natürlich nicht als Ausfluß eines um die antike Autonomie des eruditus besorgten Geistes, sondern eines am Bedürfnis der Kirche interessierten. Und wirklich leiert er wieder die alte Walze ab (S. 387). Dann das Hauptthema: Die Quellenkunde ist nötig aus vier Gründen. Ihre Unkenntnis führt zur Vernachlässigung der Schrift, zum Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit, zur Flucht zu Uebersetzungen mit ihren schiefen und unrichtigen Deutungen, zu falscher Polemik; denn jeder Widerspruch sei sinn- und zwecklos, wenn er sich nicht auf das Original stütze25). Aus dieser Darstellung geht hervor, daß dem damaligen Menschen die pessimistische Erlebnisform, eine innere Müdigkeit oder Verzweiflung zu eigen war, die mehr die Geistesverfassung des ausgehenden Mittelalters als die einer beginnenden neuen Zeit ist. Allerdings kann die äußere Beobachtung eines Tiefstandes der Kenntnisse auch von einem didaktischen Ideal diktiert sein, das vielleicht erst in negativer Form erlebt wird, das aber mit seinen Forderungen im Hintergrund der Diagnose steht und meist auch schon bereit ist, die Erneuerung zu lenken. Auf diese pädagogische Abzweckung deutet das ganze Krisengefühl um so mehr, als sein Motivschatz gar nicht mehr original geschaffen wird, sondern übernommenes Gedankengut, erbauliche Formel oder erstarrte Konvention ist. — Im Jahr dieser Aussprache 1560 starb Melanchthon, der Brennpunkt der humanistischen Studien in Wittenberg, die nach seinem Tod allmählich verfielen. Er hat das unendlich hohe Verdienst, in einer Zeit, wo die Sprachforschung auf jüdischer Seite vollkommen stagnierte, durch Einführung des Hebräischen in den Lehrplan der Universitäten und in geringerem Maße der höheren Schulen dessen Verbreitung erleichtert, ja erst ermöglicht zu haben. Die Hebraisten der Wittenberger Universität verlangten eine eingehendere Darstellung, weil hier die Wurzeln des hebräischen Studiums liegen und Wittenbergs Muster die andern Universitäten nachgebildet wurden. Das gilt für die 1529 als erste protestantische gegründete Universität zu Marburg (eine hebräische Lektur in der philosophischen Fakultät), für Frankfurt a. O. und Königsberg. Hierher kam drei Jahre nach der Gründung 1546 A. Wesseling (Wislingius) aus Wittenberg und führte sich durch eine Oratio26) bei den Königsbergern ein. Man müsse, sagt er, ein wunderbares Walten Gottes darin sehen, daß er die hebräische Sprache von ihrer Heimat an den Ufern des Euphrat oder Jordan jetzt durch ihn an die Küste des baltischen Meeres bringe, zu Germanen, Sarmaten und andern Barbaren. „Das waren so meine Gedanken während der langen Reise von den Ufern der Elbe in meine Verbannung." 25) „Laudo et voluntatem interpretum et opera ipsa. Sed cum sint dissimiles, hanc ipsam ob causam fontes adeundi sunt, ut veram sententiam eligas et videas non aüenis oculis sed tuis" (S. 389). Diese Verurteilung der Uebersetzungen, auch von Adrian (s. Teil I, S. 92) und Melanchthon (s. o. S. 103) ausgesprochen, war trotz ihrer einleuchtenden Begründung keineswegs commun sens der Zeit. C. Pellikan begrüßte die Luthersche Bibelübersetzung besonders, weil nun die Untersuchung des hebräischen Textes weniger notwendig sei (Brief an Th. Blaurer. Geiger, Stud., S. 114), und L. Dick 1564 hielt die Uebersetzungen des Alten Testaments für genügend: „Habet catholica ecclesia translationes receptas, quae studioso absque Hebraeis et Graecis literis etiam satisfacere possunt". Institutio, III, S. 795. 26) Oratio de studüs linguae ebraicae. Corp. Ref., XI, S. 708—15. 109

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