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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 108

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 2-3
Article
Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
Date
1932-01-01
Page
Seite 108 (sequence 9)
Language
German
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Otto Kluse. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus Diese Worte geben einen Fingerzeig für das Verständnis der Methode der damaligen Schrininterpretation, des doktrinär-ethisierenden Deutungswillens, für den wir aus Kommentaren und Lektionskatalogen in den klassischen Sprachen genügend Zeugnisse haben21). In den letzteren faßte man von Anfang an die Imitation zur Ueberleitung auf die praktische Anwendung ins Auge. Da nun für dies formale Prinzip die hebräische Lektüre sich wenig ergiebig erwies (s. u. A. 76), benutzte man die Texte, um nach der grammatischen Erläuterung moralische Nutzanwendungen aus ihnen zu ziehen. Reuchlin kündigte für den Sommer 1522 — sein Todesjahr — in Tübingen die Lektüre Xenophons und Salomos an, „als welche beide zu demselben Ziel schießen: der eine zeige, daß außer Gott alles eitel, der andere, daß am allereitelsten die Begierde zu regieren1"22). Die Erbaulichkeit als Selbstzweck literarischen Verständnisses erscheint uns heute absurd, zumal wenn sie mit solchen Spielereien ausgeschmückt ist. Anders damals. Für jene Zeit lag es nicht fern, den erbaulichen Zweck in Glaubenssätzen ausgedrückt zu finden und die Textbehandlung ausmünden zu lassen in dogmatische Erörterungen. Der divinatorische und willkürliche Charakter der Hermeneutik ist gleichsam ein Reflex der typischen Zeitstimmung, die damals in einem starken Individualitätsgefühl gegenüber dem blinden Autoritätsglauben des Mittelalters zu lebhaftem Ausdruck kam. Auch Heinrich Moller, der 1560 als Ebers Nachfolger das Lehramt der hebräischen Sprache in Wittenberg antrat23), wurde von religiösen Interessen geleitet. Aus seiner Begrüßungsansprache24) seien einige Gedanken mitgeteilt. Die Ansichten über das Studium des Hebräischen, wie sie seit Adrian (s. Teil I, S. 91 f.) in allerlei Reden des 16. Jahrhunderts festgelegt sind, sind nicht bloß ein religiöses, sondern auch ein wissenschaftliches Schiboleth, erfaßbar für den, der über die stereotypen Redensarten von Rang und Heiligkeit des Hebräischen hinwegzulesen gelernt hat und die Gefühlskrise auf sich nimmt, sich durch die Katakombengänge des untergegangenen Humanismus zu tasten wie durch das Labyrinth des untergehenden Abendlandes. Mit ihren ewigen Wiederholungen verraten diese Traktätchenschreiber eine Genügsamkeit des Geistes, die selbst eine gute Absicht nicht ausgleichen kann. — Neben dieser ressentimentalen möge eine methodologische Erwägung Platz haben. Das ausgebildete historische Denken wird sich nicht mehr leicht verleiten lassen, solchen subjektiven Kriterien kurzerhand Tatsachenbeweiskraft zuzusprechen, aber eine kompliziertere Art der Ausdeutung schätzt den Wert dieses negativ und pessimistisch reagierenden Zeitgefühls als seelengeschichtliche Quelle um so höher ein. So betrachtet, stehen die Klagen über den Verfall der hebräischen Studien im Dienst der Strukturpsychologie, sie werden nicht auf ihren faktischen Gehalt hin geprüft, sondern auf ihren seelischen. Moller beginnt: „Singulari beneficio Deus Semper ecclesiae tribuit linguae Ebraeae gnaros et interpretes, alias plures alias pauciores". Das statische Element dem diese nicht eben tiefe Beobachtung Ausdruck gibt, wird ergänzt durch das dynamische des Vorschlags, die Regierung solle durch strengste Druckmittel die Theologen zwingen, hebräisch zu lernen — zu verstehen 21) A. Gudeman, Grundriß der Geschichte der klass. Philologie. Leipzig, Berlin 1909, S. 169. 22) Paulsen, I, S. 144 (was ich in den Tübinger Urkunden nicht habe feststellen können). Vgl. Meianchthons Jeremiasausgabe (Threni), oben S. 102. 2S) Im Lektionskatalog von Wittenberg 1561 ist unter den theologischen Vorlesungen verzeichnet: „M. Henricus Moller enarrabit textum hebraicum minorum prophetarum usitatis IV horis". Strobel, Bd. 1, S. 126. 24) Adhortatio ad cognoscendam Iinguam hebraeam (aufgenommen in Meianchthons Reden). Corp. Ref., XII, S. 385—92. 108

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