Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 8)
- Language
- German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus Forster setzt somit die judenfeindliche Tradition des P. Nigri und seiner christlichen Vorläufer (der „Nichthumanisten" H. de Hassia, Stef. Bodeker. S. Teil I, S. 87 f.) fort, wenn er auch den polemischen Geist nicht wie diese aus den christlichen antijüdischen Schriften ihrer Zeit schöpfte. Erwähnung als Kämpfer gegen den talmudfeindlichen Ungeist jener Zeit verdient noch der Hebraist Andreas Masius, eine europäische Berühmtheit (1514—73. S. Teil I, A. 82. 113 u. unten A. 89. 64), der wegen seines langjährigen Aufenthalts in Deutschland, wegen seiner persönlichen Beziehungen und seines literarischen Wirkens den Deutschen zuzuzählen ist. An Kardinal Pighino schreibt er (Februar 1554): Wenn du die Bücher der Talmudkenner mit denen der andern vergleichst, dann siehst du erst dis Vorzüglichkeit jener. „Hebraeorum commentaria abolere nihil est aliud quam compendiosissimo modo sanctam hebraeam linguam eradicare". An den Sekretär Latino Latini (Februar 1554): „Si commentarii hebraei mihi eripiuntur, ego plane sum Veteris Testamenti Studium abiecturus". (Vgl. die ähnlichen Worte des P. Fagius, Teil I, A. 95.) Als die Republik Venedig auf Grund eines päpstlichen Dekrets eine Menge hebräischer Bücher hatte verbrennen lassen (Graetz, IX, SS. 321, 342; Perles, S. 223 ff.), bittet Masius den venetianischen Gesandten beim Kaiser um Vermittlung, daß sämtliche bei Bomberg in Venedig gedruckten hebräischen Bücher seines Besitzes ihm freigegeben werden (Brief v. Februar 1554). Die Briefe von A. Masius und seinen Freunden hat herausgegeben M. Lossen, Leipzig 1886 (S. bes. SS. 147, 153, 155—57). Den Ertrag seiner eindringenden biblischen und sprachlichen Studien legte Masius in der großen bei Plantin gedruckten Polyglottenbibel, in einer syrischen Grammatik und einem syrischen Wörterbuch (1571/72) nieder, die bis in das folgende Jahrhundert Grundlage für syrische Sprachstudien waren. (Plantins Briefe an Masius aus den Jahren 1570 und 1571, bei Lossen, S. 437—53; vgl. M. Rooses, Christophe Plantin Imprimeur Anversois. 2 Bde. Anvers 1896. I. S. 180; vgl. unten A. 89.) Masius' heute noch hochgeschätzte hebräisch-griechische Ausgabe des Buches Josua konnte der berühmte Antwerpener Buchdrucker infolge Geldverlegenheiten erst ein Jahr nach des Verfassers Tod herausbringen. Wegen freier Aeußerungen über biblische Inspiration und die Fehler der Vulgata kam sie auf den Index. Die Gesamterscheinung des Masius ist in dieser Zeit der unfreien Wissenschaft ein Lichtblick. Sie bringt den Beweis, daß die Forschung unendlich mehr sich dient, wenn sie sich von kirchlichen und dogmatischen Rücksichten befreit. Den Geist der Polemik als fördernd für hebräisches Sprachstudium, für Spracheifer und Forschungstrieb anzuerkennen, wie dies B. Walde tut (Christliche Hebraisten Deutschlands am Ausgang des Mittelalters. Münchener theol. Habilitationsschr., Münster 1916. S. 199 f.), ist ein Standpunkt, der von der Kirche diktiert ist und von ihr sich die Dinge deuten läßt. Er ist nicht nur Geist des 14. und 15. Jahrhunderts, sondern verrät zuweilen auch der Herren eigenen Geist. Wie zerstörend die hämischen und albernen Nachreden der kirchlichen Kreise noch am Anfang des 16. Jahrhunderts, zur Zeit der Dunkelmännerbriefe, auf die Sprachkenntnisse wirkten, mit deren Entwicklung jene eine Entlarvung der alten theologischen und philosophischen Possen fürchteten, dafür bringe ich in meinem demnächst bei Dieterich (Leipzig) erscheinenden Buch „Die Antike im Sprachbewußtsein und Bildungswesen des Humanismus" ein reiches Zeugnismaterial. (S. auch Teil I, A. 12.) Wir kehren zu der Entwicklung der sprachwissenschaftlichen Aspekte zurück, deren Darstellung wir mit Forster verlassen haben. Forsters Nachfolger wurde 1557 Paul Eber, ein Schüler des Flacius. Er eröffnete seine hebräische Lektion mit einer grammatikalischen Erklärung des Grundtextes des Jesaia, zu der er durch einen Anschlag einlud. In ihm bekennt er, daß er wegen der Schwäche seines Körpers es vorgezogen hätte, in Stille den Studien obzuliegen, „zumal da die Christen gegenwärtig so erhitzt sind", daß er aber gleichwohl sich zur Verfugung stelle, wobei er verspricht „keine neuen Lehrsätze aufzustellen, keine unnötigen Streitigkeiten auszusäen"20). 20) Th. Pressel, Leben u. Schriften der Väter d. luther. Kirche. Elberfeld 1862, Bd. VIII, S.* 22. Vgl. u. S. 112 f. 107