Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 5)
- Language
- German
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Otto Kluge- Di« hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus ist der Meinung, daß es nur eine Auffassung vom Hebräischen gibt, nämlich seine. Es ist dem Präzeptor Germaniae um den theologischen Nachwuchs zu tun — Idealisten setzen gern den Hebel bei der Erziehung an. Melanchthon steht mitten drin in den hebräischen Nöten seiner Zeit, er stellt eine Forderung, aber er zeigt keinen Weg. Das ist die Schwäche seiner Tendenz-Leistung. Und dann das andere: kannte er die verzehrende Flamme, das aufreibende Ringen um den Besitz der verschleierten Sprache, die sich nicht dem ersten Angriff ergibt und je spröder sie erscheint desto mehr verspricht? Wußte er, was es heißt: eine Sprache entdecken? Pellikan und Reuchlin waren vernarrt, verliebt und verlören an ihre Entdeckung. „Dann soll ich leben", sagt letzterer12), „so muss die hebraysch sprach herfür mit gots hillff; stirb ich dann, so han ich doch ainen anfang gemacht, der nit lychtlich würdt zergon". Wieland legt („Zu Reuchlins Bild". Teutscher Merkur 1777. I. 177 ff.) dem Magier Reuchlin ein Machtwort an die Sprache in den Mund: „Stehe auf, komme herauf, Toter!", und der Literarhistoriker E. Borkowsky sagt: „unter den deutschen Gräzisten steht Reuchlin im 1. Glied, unter den Orientalisten springt er vor die Front". Ein Antesignanus primarius im Kampf für eine gute Sache. —: Das sprachliche Interesse fehlt Melanchthon völlig, in ihm redet allein der Theologe, die Attitüde des Erziehers ersetzt die Originalität des Forschers. Mit dem trivial-naiven, zu Zeiten sogar sehr problematischen Bekenntnis der Unentbehrlichkeit des Hebräischen für die Kirche (s. u. A. 42) lockte er keinen Pfarrer, der hinterm Ofen in Abrams Schoß saß, auf das Glatteis der Sprachforschung. Der theologische Nutzen war großenteils trügerisch, da die Zionswächter doch nur das Dogmengewebe ihrer Partei aus den traditionellen Kernstellen bewähren wollten und tatsächlich Luthers Uebersetzung die protestantische Vulgata geworden war. Das Verhältnis zwischen Reuchlin und seinem Großneffen bedurfte noch dieser Feststellung. Die schwierige Stellung des Hebraisten in der Wittenberger theologischen Fakultät neben Luther und Melanchthon war, wie wir annehmen können, der Grund gewesen, daß der unstete Böschenstein nach kurzer Tätigkeit in vollem Unfrieden Wittenberg verließ13). Der 12) Brief 1512 an den Basler Buchdrucker J. Amerbach. Geiger, Briefwechsel, S. 180. W. Stammler, Von der Mystik zum Barock. Stuttg. 1927. S.90. 13) S. Teil I, S. 181. Ueber die Zwischenzeit, in die Barth. Caesars und Adrians Wirken fällt (Teil I, SS. 91 u. 188), sind wir jetzt unterrichtet durch die gründliche Untersuchung G. Bauchs in MGWJ. (s. Abk.), SS. 283—99, 328—40, 461—77. Von Barth. Caesar ist außer dem oben S. 188 erwähnten „Elementale hebraicum" (Leipzig 1516) — das einzige Exemplar verwahrt die Bibliothek der Deutschen Morgenländischen Gesellsch. in Halle — seit 1930 bekannt ein doppelseitiges Flugblatt (um 1515), das hebräische Segenssprüche mit deutscher Uebersetzung und das Bild einer Fortuna mit hebräischem Text und den Initialen n:s (Albr. Dürer?) enthält. Der in Lettern der „3 Sprachen" über das ganze Blatt verteilte Name des Autors weist zweifellos auf den Zweck, den humanistischen Gelehrtendünkel zu kitzeln. S. Teil I, S. 92, ferner A. 14 u. 130, und Teil II, A. 3. Der interessante Fund ist nach dem einzigen im Britischen Museum aufbewahrten Exemplar reproduziert für die Mitglieder der Soncino-Gesellschaft und mit kritischem Apparat versehen von H. Eisemann, Frankfurt a. M. 1931. Ueber das Fortuna-Problem in der Renaissance und den Symbolismus als deren Grundstimmung s. E. Cassirer, 104