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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 103

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 2-3
Article
Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
Date
1932-01-01
Page
Seite 103 (sequence 4)
Language
German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus!'• mit dem Erfolg-, daß viele Griechenenthusiasten sich vom Hebräischen abwendeten. Freilich, sagt Melanchthon, wenn jemand Eleganz der Sprache, gefällige Erzählung verlange, dann sei es besser, Herodot zu lesen als den Talmud („Thalmudicos libellos"), in dem ganz offenkundig die Zeitläufte arg entstellt seien und eine Mustersammlung von Abgeschmacktheit und Fadheit zu finden sei; solche Feinschmecker sollten lieber von der Weisheit des Themistokles, der Gerechtigkeit des Aristides sich erzählen lassen, „quam legere fanaticos furores ben Cosban"10). Allerdings, meint Melanchthon, hätten Philosophie und Literatur in den klassischen Sprachen ihre bedeutendsten Vertreter: „Sed in ecclesia Dei carere lingua Ebraea non possumus . . . Addo fontem interpretationis esse linguae Ebraeae cognitionem, sine hac retineri nativas sententias posse nego". Auch Uebersetzungen in griechischer und lateinischer Sprache und die treffliche deutsche Luthers genügen nicht. Die Kirche müsse immer Männer haben, die zu den Quellen vordringen könnten11), da vieles von den Abschreibern und Uebersetzern (er nennt Origenes, Lucian) mißverstanden und verdorben sei, da der ganze Gedankenapparat sich in einer andern Sprache garnicht ausdrücken lasse („peculiaris forma orationis"). Hierbei streift Melanchthon auch die jüdischen Erklärer, denen er aus Mangel an gutem Willen begangene Faselei und Albernheiten („deliramenta", „hallucinati sunt") vorwirft. Ihre Vorfahren, sagt er, von Moses bis Jeremias sind größere Männer gewesen als Solon und die griechischen Helden, die ihren Staat nur dem Untergang entgegengeführt haben. Und so kommen auch die auf ihre Kosten, die die hebräische Literatur auf edle Motive hin durchsuchen. Glücklich die Gegenwart, die als Erbe solcher Schätze zugleich die Pflicht hat, sie auf Wucher anzulegen. Mit diesem Lesebuch-Pathos schließt die Rede. Die Reden hinterlassen einen uneinheitlichen Eindruck, halb spricht der Humanist, halb der Theologe: die Propheten sind besser als die Klassiker, die Klassiker besser als die Talmudisten. Befangen in den Urteilen semer Zeit, hat Melanchthon vom nachchristlichen Judentum einen sehr irrigen Eindruck: für ihn, der an eine Kritik des biblischen Urtextes nicht einmal dachte, mußten die Abweichungen von der Septuaginta als jüdische Fälschungen gelten — der Standpunkt der Kirchenväter, denen Hebräisch eine terra incognita war (mit Ausnahme des Hieronymus). Außer diesem negativ-intoleranten Urteil führte zur Ablehnung des Talmud noch das konfessionelle Eigenbewußtsein — verbunden mit einem starken religiösen Personalismus. Melanchthon S. 245. IX, S. 96. — Politianus (1454—94), Prof. in Florenz, Lehrer und Freund Lorenzos de' Medici, auch Lehrer Reuchlins. J. Maehly, Angelus Pontianus, ein Kulturbild aus der Renaissance. Leipzig 1864. SS. 72. 160. Geiger-Sybel, S. 64. Die Voreingenommenheit der ital. Humanisten gegen das Hebräische auch bei Leonardo Bruni (Aretino): „Multo commodius et plenius latinis et graecis literis fieri id posse dico (sc. die Ausbildung des Geistes) quam Judaeorum barbarie . . . Deinde quid simile habet Graecorum eruditio cum Judaeorum ruditate? . . Nulli enim illis philosophi, nulli poetae, nulli oratores reperiuntur". L. Bruni Aretini Epistolarum libri VIII, recens. L. Mehus, Florenz 1741. (epist. 9. 12, an Joh. Cirignanus) II, SS. 161. 163. R. Saitschick, Menschen und Kunst der ital. Renaissance. Berlin 1903/4. I, S. 216; II, S. 80. 10) Gemeint ist der jüdische Pseudo-Messias Bar-Cochba (eigentt. Bar-Kosiba) Sternensohn, „der sein Volk wie der Stern Jacobs erleuchten wolt" (Thurneißer bei Moehsen, S. 109), der ganz Palästina gegen die Römerherrschaft aufwiegelte und 135 unterlag. Graetz, IV, S. 136. u) Im Grunde eine Erasmische Forderung. Vgl. Allen, epp. 541. 141. — 1062. 35 ff. Derselbe Gedanke bei H. Moller (s. u. S. 109). Im Anschlag in der Universität Wittenberg 1532 (Corp. Ref., X, S. 87) bezeichnet Melanchthon das Hebräische als „pernecessarium theologo, qui Magisterii titulum ambit". Die Magistermatrikel der benachbarten Erfurter Universität nennt bereits 1519 die 18 Promovierten „Jünger der lateinischen und der eben aufkeimenden griechischen und hebräischen Sprache". K. Krause, Helius Eobanus Hessus, Gotha 1879, Bd. 1. S. 3110 (s. u. S. 111). 103

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