Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aufklärung und Judenfrage
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Hannah Arendt-Stern. Aufklärung und Judenfrage. den „ewigen Gehalt" zu retten — so naiv dies uns heute erscheinen mag — nicht schlechthin sinnlos. Er war auf dem Boden der Aufklärung auch noch möglich; den Juden blieb dort noch ein letztes Residuum an Bindung, das erst jetzt völlig schwindet. Herder selbst sieht diese Bindungslosigkeit als Positivum, wenn er sagt, „Lessing, insonderheit hat dies unbefangenere Urteil gebildeter Juden, ihre schlichtere Art die Dinge anzusehen, in Nathan dem Weisen dargestellt; wer darf ihm widersprechen, da der Jude als solcher von manchen politischen Urteilen frei ist, die wir mit Mühe oder gar nicht ablegen?" Herder betont die Unbefangenheit gebildeter Juden, d.h. solcher, die nicht gebunden sind an irgendwelche Gehalte, an die bei aller „Bildung" die nichtjüdische Umwelt dank dem Kontinuum der Zeit gebunden bleibt. Zugleich will Herder die Eigenschaften positivieren, die die Not der schlechten Gegenwart aus ihnen herausgepreßt hat — sei es die Not des Sozialen, sei es die Not der Diaspora überhaupt —, die die Juden zu dem doppelten Scharfblick in Erwerb und Bibelauslegung zwang23). Sind die Juden erst in Herders Sinn „gebildet", so sind sie der Menschheit zurückgewonnen, d. h. aber in ihrer eigenen Auslegung, sie haben aufgehört, das auserwählte Volk zu sein. „Abgelegt die alten stolzen Nationalvorurteile; weggeworfen die Sitten, die für unsre Zeit und Verfassung, selbst für unser Klima nicht gehören, arbeiten sie nicht als Sklaven . . . wohl aber als Mitwohner gebildeter Völker an . . . dem Bau der Wissenschaften, der Gesamtcultur der Menschheit. . . . Nicht durch Einräumung merkantilischer Vorteile führt man sie der Ehre und Sittlichkeit zu, sie heben sich selbst dahin durch reinmenschliche, wissenschaftliche und bürgerliche Verdienste. Ihr Palästina ist sodann, wo sie leben und edel wirken allenthalben." Damit sind die Juden wieder in eine Ausnahmestellung gedrängt, die in der Aufklärung, die kein ausgebildetes Verständnis für Geschichte hatte, noch verdeckt bleiben konnte. Die völlige Gleichheit Lessings verlangte von den Juden nur das Menschsein, das sie schließlich, zumal in der Mendelssohnschen Auslegung auch leisten konnten. Hier aber wird eine Sonderstellung von ihnen gefordert, — als Besondere werden sie eingeordnet in die „Gesamtcultur der Menschheit", nachdem durch „Bildung", durch die Distanz des Verstehens alle Gehalte zerstört sind, an die sich diese Sonderstellung klammern konnte. Schleiermacher lehnt Friedlanders Anerbieten ab, weil er sowohl das Eigentümliche des Christentums wie die Besonderheit der Juden gewahrt wissen will. Man erwartet von den Juden ein Verständnis für ihre eigene geschichtliche Situation, eine Erwartung, die sie um so weniger erfüllen können, als ihre Existenz in der nichtjüdischen Welt mit der wesentlich unhistorischen Argumentation der Aufklärung steht und fällt. Sie sind gezwungen, in dem Kampf um ihre Emanzipation dauernd „salti mortali" zu wollen, eine sprunghafte Eingliederung zu beanspruchen; sie können nicht auf das, was „sich natürlich macht", 2S) „Unter Drangsalen, die dies Volk Jahrhundertelang betroffen haben, welch andere Nation hätte sich auf dem Grad der Cultur erhalten, auf dem sie ihr inhaltsreiches Buch der Bücher, die Sammlung ihrer heiligen Schriften, mit ihnen die Schreib- und Rechenkunst festhielt? Not und ihr Gewerbe haben sie zu einem Scharfblick gebildet, den nur ein stumpfes Auge nicht wahr nimmt.'* 76