Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aufklärung und Judenfrage
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 13)
- Language
- German
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M. Ginsburger. Zur Geschichte der Juden in der Schweiz unter Kaiser Sigismund (1411—1437) auf eine „schrittweise" Entwicklung24) vertrauen, denn sie haben in der fremden Welt ja gar keine bestimmte Stelle, von der aus eine bestimmte Entwicklung anheben könnte. So werden die Juden die Geschichtslosen in der Geschichte. Ihre Vergangenheit ist ihnen durch das Herd ersehe Geschichtsverstehen entzogen. Sie stehen also wieder vis ä vis de rien. Innerhalb einer geschichtlichen Wirklichkeit, innerhalb der europäischen säkularisierten Welt, sind sie gezwungen, sich dieser Welt irgendwie anzupassen, sich zu bilden. Bildung aber ist für sie notwendig all das, was nicht jüdische Welt ist. Da ihnen ihre eigene Vergangenheit entzogen ist, hat die gegenwärtige Wirklichkeit begonnen, ihre Macht zu zeigen. Bildung ist die einzige Möglichkeit, diese Gegenwart zu überstehen. Ist Bildung vor allem Verstehen der Vergangenheit, so ist der „gebildete" Jude angewiesen auf eine fremde Vergangenheit. Zu ihr kommt er über eine Gegenwart, die er verstehen muß, weil er an ihr beteiligt wurde. Die Vergangenheit muß, soll die Gegenwart überhaupt begriffen werden, neu und ausdrücklich ergriffen werden. Das Ausdrücklichmachen der Vergangenheit ist der positive Ausdruck für die Herd ersehe Distanz des Gebildeten — eine Distanz, die die Juden von vornherein mitbringen. So entsteht aus der Fremdheit der Geschichte die Geschichte als spezielles und legitimes Thema der Juden25). Zur Geschichte der Juden in der Schweiz unter Kaiser Sigismund (1411-1437) Von M. Ginsburger Eine Geschichte der Juden in der Schweiz soll demnächst auf Veranlassung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes veröffentlicht werden. Doch ist uns bis jetzt über Form und Umfang dieser geplanten Veröffentlichung nichts bekannt geworden. Es dürfte daher nicht unwillkommen sein, wenn wir in Folgendem auf Grund des in einer Reihe von Geschichtswerken zerstreut liegenden Materials, die Lage der schweizerischen Juden unter Kaiser Sigismund zu veranschaulichen suchen. Den unmittelbaren Anlaß zu dieser Arbeit gab mir die vor drei Jahren erfolgte Publikation des dritten Bandes (1411—1439) der Urkunden zur Schweizer Geschichte aus österreichischen Archiven (herausgegeben von Rudolf Thomm en, Basel, 1928). Als Ergänzung dazu habe ich die Werke von Ulrich, Sammlung jüdischer Geschichten ... in der Schweiz, Basel, 1768, Löwenstein, Geschichte der Juden am Bodensee und Umgebung, 1879, und Steinberg, Studien zur Geschichte der Juden in der Schweiz, Zürich, 1903, benutzt. Sigismund wurde schon am 21. Juli 1411 zum deutschen Kaiser gewählt. Da er jedoch als König von Ungarn von 1411—1413 in 24) W. u. C. v. Humboldt, Briefwechsel. Bd. 4. Nr. 236. S. 462. 25) Erst der „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden" hat es unter der Aegide von Leopold Zvxiz erfaßt. Anm. d. Red. 77