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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 75

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 2-3
Article
Aufklärung und Judenfrage
Date
1932-01-01
Page
Seite 75 (sequence 11)
Language
German
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Hanoah Arendt-Stern. Aufklärung und Judenfrage. Die Erziehung durch Bildung in diesem Herderschen Sinn kann nicht wollen, daß die „Vorbilder" einfach nachgeahmt werden; hatte Herder doch gerade die unwiderrufliche Einmaligkeit der Geschichte, auch der größten und genialsten Geschichte gezeigt. Die Bildung sucht das Bildende im Verstehen der Vorbilder. In diesem Verstehen, das ein ganz neu erschlossener Zugang zur Wirklichkeit ist und aller Allegorese und Deutung der heiligen Schriften wie aller Polemik so fern steht wie dem bloßen gläubigen Hinnehmen, liegt zugleich eine Beschwörung der Wirklichkeit: sie so zu nehmen, wie sie wirklich war, ohne alle Zwecke und Hintergedanken; und eine Distanz von der Vergangenheit: sich nie mit ihr zu verwechseln, den Zeitraum, der zwischen ihr und dem Verstehenden liegt, ernst zu nehmen, in das Verstehen hineinzunehmen. Die Geschiente hat so dem Gehalt nach keine Verbindlichkeit für den, der sie versteht, er versteht sie als einmalige und vergängliche. Ihre bildende Funktion liegt im Verstehen als solchem. Auf diesem Vergangenen basiert eine neue Idee von Toleranz. Jeder Mensch wie jede geschichtliche Epoche hat ein Schicksal, dessen Einmaligkeit kein Anderer mehr verurteilen darf; ist es doch die Geschichte selbst, die in der Unerbittlichkeit ihrer Kontinuität das Richteramt übernommen hat. Die Toleranz, der „Vorzug seltener, vom Himmel privilegierter Seelen" entdeckt nicht mehr das Menschliche als solches, sondern sie versteht es. Und sie versteht es gerade in all seinen Verkleidungen und Veränderungen; sie versteht seine Einmaligkeit, seine Vergänglichkeit. Die Toleranz entspricht der verstehenden Distanz des Gebildeten. So gibt Herder den Juden ihre Geschichte in einer eigentümlichen Indirektheit zurück; die Geschichte ist zur verstandenen Geschichte geworden. Sie wird als Geschehen absolut ernst genommen, ohne daß doch an den ursprünglichen Leiter dieses Geschehens noch direkt geglaubt würde. Die Säkularisierung ist nicht mehr rückgängig zu machen. Die indirekte Rückgabe der eigentlichen Gehalte zerstört die Vergangenheit im Sinne der Juden restlos. Denn war für Herder diese wie jede Vergangenheit gebunden an eine einmalige, nie wiederkehrende Zeit, so war sie für die Juden gerade das immer wieder dem Vergehen zu Entreißende. Herder gibt zwar dem assimilierten Juden das Geschehen im Sinne seiner eigenen Interpretation zurück, aber doch ein Geschehen ohne Gott; so vernichtet er seine in der Rezeption der Aufklärung gewonnene Freiheit, die vis ä vis de rien stand, und unterstellt ihn der Macht des Schicksals, aber er stellt ihn nicht mehr unter die Macht Gottes. Noch die Aufklärung hatte insofern wenigstens einen direkten Bezug zum Gehalt der Geschichte, als sie sich mit ihm auseinandersetzte, ihn verwarf, verteidigte oder bewußt umdeutete. Herders Geschichtsverständnis ist ein letztes Unverbindlichmachen jeglichen Gehaltes — zugunsten des Geschehens selbst. Für die Juden fällt mit dem Zerstören des Gehaltes der Geschichte jede geschichtliche Bindung; denn das Eigentümliche ihrer Geschichte besteht gerade darin, daß nach der Zerstörung des Tempels in gewissem Sinne die Geschiente selbst das „Continuum der Dinge", das Herder vor dem „Abgrund" rettet, zerstört hat. Deshalb war Mendelssohns Verteidigung der jüdischen Religion und sein Versuch, 75

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