Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 74

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 2-3
Article
Aufklärung und Judenfrage
Date
1932-01-01
Page
Seite 74 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2259275-2259293-2259296-2261442--3791-2261474
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Hannah Arendt-Stern. Aufklärung und Judenfrage. daß „die Trümmer Jerusalems gleichsam im Herzen der Zeit . . . gegründet sind"19). Ihre Religion ist weder eine Quelle der Vorurteile noch die Mendelssohns che Vernunftreligion, sondern das „unveräußerliche Erbstück ihres Geschlechts". Zugleich sieht Herder, daß ihre Geschichte, die aus dem Gesetz Mosis stammt, von diesem nicht zu trennen ist20), daß sie daher mit der Befolgung des Gesetzes steht und fällt Diese Religion ist weiter eine Religion Palästinas, und an ihr festhalten, heißt eigentlich das Volk Palästinas und damit in „Europa ein unserm Erdteil fremdes asiatisches Volk" bleiben. Nicht ihre Gleichheit mit allen andern Völkern wird zugestanden — für die Aufklärung einziges Mittel, sie überhaupt zu Menschen zu machen —, sondern ihre Fremdheit betont. Dabei wird auf Assimilation keineswegs verzichtet, sie wird sogar radikaler gefordert, aber auf einem andern Boden. War die Judenfrage und ihre Diskussion noch bei Lessing und Dohm wesentlich geleitet von der Religionsfrage und ihrer Tolerierung, so wird für Herder die Assimilation zu einer Frage der Emanzipation und damit zu einer Staatsfrage. Gerade weil Herder die Treue zu der „Religion der Väter" ernst nimmt, sieht er in ihr das Zeichen der Nationalverbundenheit; die fremde Religion wird zu der Religion einer andern Nation. Aufgabe ist jetzt weder: eine andere Religion zu dulden, wie man ja viele Vorurteile zu dulden gezwungen ist, noch: eine sozial schädliche Situation zu ändern, sondern: Deutschland eine andere Nation einzuverleiben21). Herder sieht den augenblicklichen Zustand also durchaus sub specie der Vergangenheit. Selbst die Tatsache, daß die Juden trotz aller Unterdrückungen in der fremden Welt nicht untergingen, sondern sich, wenn auch parasitär, anzupassen suchten, versteht er aus der Geschichte des Volkes22). Es gilt jetzt, das Parasitäre der jüdischen Nation produktiv zu machen. Wieweit eine solche Assimilation möglich ist unter Beibehaltung des jüdischen Gesetzes, ist eine Staatsfrage, wieweit sie überhaupt mög- -lich ist, eine Frage der Erziehung und Bildung, d. h. für Herder der Humanisierung. Humanität ist durch zwei Begriffe gekennzeichnet, durch Bildung und Toleranz. Herder polemisiert aufs schärfste gegen den Bildungsbegriff der Aufklärung, das Selbstdenken, dem er vor allem Wirklichkeitslosigkeit vorwirft. Diese Bildung erwächst aus keiner Erfahrung, und sie wird zu keiner „Tat", zu keiner „Anwendung des Lebens im bestimmten Kreise". Sie kann keinen Menschen bilden; denn sie vergißt die Wirklichkeit, aus der er kommt und in der er steht. Der „Rücktritt der Bildung", der wahren Bildung, die „erbildet, anbildet und fortbildet", ist beherrscht von der Vergangenheit, einer „stillen, ewigen Macht des Vorbildes und einer Reihe Vorbilder". Diese Vergangenheit kann die Aufklärung nicht bewahren. ») Die Denkmale der Vorwelt. I. Stück. 20) Briefe das Studium der Theologie betreffend. 4. Brief. 21) Adrastea: „Wiefern nun dies Gesetz und die aus ihm entspringende Denk- oder Lebensweise in unsre Staaten gehöre, ist kein Religionsdisput mehr, wo über Meinung und Glauben discurriert würde, sondern eine einfache Staatsfrage." 22) Vgl. Ideen . . III. Teü. XII. Buch. VI. Weitere Ideen zur Philosophie der Menschengeschichte. 74

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.