Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aufklärung und Judenfrage
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
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Hanuah Arendt-Stern. Aufklärung und Judenfrage. Verfassung" der Juden zu ändern. Und der Schüler Mendelssohns stellt sich in offenen Widerspruch zu seinem Lehrer, der geraten hatte: „Schicket Euch in die Sitten und Verfassungen des Landes, in welches Ihr versetzt seid; aber haltet Euch standhaft bei der Religion Eurer Väter. Traget beider Lasten, so gut Ihr könnt!" Friedländer steht in offenem Widerspruch zu diesen Worten, wenn er unter Berufung auf die Aufklärung, auf Vernunft und moralisches Gefühl — das ja bei allen Menschen das gleiche ist — die Taufe anbietet, um „sich öffentlich der Gesellschaft einzuverleiben." Aber dies Anerbieten kommt 1799 zu spät. Propst Teller, an den es gerichtet ist, antwortet kühl. Und Schleiermacher wehrt sich gegen diese unliebsamen Gäste energisch. Er rechnet charakteristischerweise das „Sendschreiben" der „älteren Schule unsrer Litteratur" zu11) und hebt gegen den Appell an Vernunft und moralisches Gefühl das Eigentümliche des Christentums hervor, das durch solche Proselyten nur verwässert werden könne. Die Vernunft hat nichts mit dem Christentum zu tun. Schleiermacher will das Individuelle der eigenen Religion gegen das notwendig Andere der fremden schützen. Die Vernunft gibt nur noch Möglichkeit für partielle Einigung — sie gilt für das Staatsbürgertum, nicht für die Religion. Schleiermacher ist für schnellste Einbürgerung. Aber die Einbürgerung wird nicht mehr der Anfang der völligen Assimilation sein, obwohl die Juden gerade diese anbieten. „,Die Aufklärungsmanier", die alle Menschen als ursprünglich gleich ansetzt und sie wieder gleich machen will, ist „verächtlich" geworden. Schleiermacher verlangt die Unterordnung des Zeremonialgesetzes unter das staatliche Gesetz und das Ausgeben der messianischen Hoffnung. Beides bietet Friedländer an. Er ist sich dabei nicht einmal bewußt, daß er damit überhaupt etwas aufgeben könnte; er will alles, was der Vernunft, die die gleiche für Christen und Juden ist, entgegensteht, aus dem Wege räumen — er verlangt ausdrücklich das gleiche von den Christen. Das Friedländersche Anerbieten wäre 20—30 Jahre früher, als Lavater Mendelssohn aufforderte, alle Beweise für oder wider das Christentum zu prüfen und sich dann zu entscheiden, wie es „ein Sokrates getan hätte", nicht solch ein Unding gewesen, wie es jetzt Schleiermacher und mit ihm dem gebildeten Deutschland erscheint. Im Geschichtsbewußtsein Deutschlands ist eine Wandlung vorgegangen, die sich am charakteristischsten in Herder ausdrückt. Herder hatte mit einer Kritik seines Zeitalters, des Zeitalters der Aufklärung, begonnen. Die Schrift „Auch eine Philosophie zur Geschichte der Bildung der Menschheit" erscheint 1774,. noch mitten in der Aufklärung und bleibt ohne jede Wirkung auf die ältere Generation. Um so stärker und entschiedener ist ihr Einfluß auf die kommende Romantik. Sie wendet sich gegen die Allherrschaft der Vernunft und ihre platten Nützlichkeitslehren. Sie wendet sich ferner .gegen die Allherrschaft des Menschen, der „nichts mehr als Wunderbares und Verborgenes hasset". Sie wendet sich schließlich gegen eine Geschichtsschreibung, die in Nachfolge Voltaires und Humes die u) Schleiermacher, Briefe, bei Gelegenheit . . des Sendschreibens. 1799. Werke, Abt. I. Bd. 5. S. 6 ff. 71