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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 72

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 2-3
Article
Aufklärung und Judenfrage
Date
1932-01-01
Page
Seite 72 (sequence 8)
Language
German
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Hannah Arendt-Stern. Aufklärung und Judenfrage. Wirklichkeit vergißt zugunsten der immer gleichen Anlagen und Möglichkeiten des Menschen. Wir sahen, wie Mendelssohn in der Uebernahme Lessingscher Ideen vor allem die Isolierung des Einzelnen im Selbstdenkenkönnen betonte. Herder und nach ihm die Romantik (die deutsche Tradition also, die für die Judenfrage vor allem in Betracht kommt) scheidet dies gerade aus und führt die schon bei Lessing begonnene Entdeckung der Geschichte fort Herder wendet sich gegen den Lessingschen Satz, daß der Mensch in der Erziehung nichts empfinge, als was immer schon in ihm gelegen habe: „Empfinge der Mensch alles aus sich selbst und entwickelte es abgetrennt von äußeren Gegenständen, so wäre zwar eine Geschichte des Menschen, aber nicht der Menschen, nicht ihres ganzen Geschlechts möglich." Der Mensch lebt vielmehr in einer „Kette von Individuen", „Tradition tritt zu ihm und formt seinen Kopf und bildet seine Glieder"12). Die reine Vernunft, das reine Gute ist auf der Erde „ausgestreut". Kein Einzelner vermag es mehr zu fassen. Es ist nie als es selbst da — wie es keinen echten Ring bei Lessing gibt; es ist verwandelt, verändert, „verteilt in tausend Gestalten . . — ein ewiger Proteus". Dieses immer Verwandelte hängt ab von Wirklichkeiten, die außerhalb der menschlichen Macht liegen, von „Zeit, Klima, Bedürfnis, Welt, Schicksal". Entscheidend ist nicht mehr — wie für die Aufklärung — die pure Möglichkeit, sondern entscheidend ist die Wirklichkeit des jeweils menschlichen Seins. Die wirkliche Unterschiedenheit der Menschen ist wichtiger als die „eigentliche" Gleichheit. „Der feigste Bösewicht hat ohne Zweifel zum großmütigsten Helden noch immer entfernte Anlage und Möglichkeit — aber zwischen dieser und dem ganzen Gefühle des Seins, der Existenz in solchem Charakter — Kluft!"13). Vernunft ist demnach nicht die Richterin der geschichtlichen Wirklichkeit im Menschen, sondern sie ist das „Resultat aller Erfahrung im Menschengeschlecht"14). Dieses Resultat ist wesensmäßig nie abgeschlossen15). Herder übernimmt das „ewige Suchen" des Lessingschen Wahrheitsbegriffes, aber in modifizierter Form; denn wenn Lessing die Wahrheit auch in eine unabsehbare Ferne der Zukunft verschiebt, so bleibt bei ihm die Vernunft als eingeborenes Vermögen doch von dieser Dynamisierung unangefochten. Ist die Vernunft als „Erfahrungsresultat" selbst historisiert, so ist der Platz des Menschen in der Entwicklungdes Menschengeschlechts nicht mehr eindeutig bestimmt: „keine Geschichte in der Welt steht auf Abstraktionsgründen a priori". Wie: Lessing sich gegen eine Wahrheit auflehnt, die man als Besitz und endgültige Beruhigung haben kann, weil dieser Besitz unmenschlich wäre, so lehnt sich Herder dagegen auf, auch nur die reine Vernunft als Möglichkeit der einen Wahrheit anzuerkennen. Gegen die eine Vernunft wie gegen die eine Wahrheit steht die Unendlichkeit der Geschichte und „warum soll ich ein reiner Vernunftgeist werden, da. 12) Ideen zur Geschichte der Menschheit. I. Teil IX. Buch. 1. 2. 13S Auch eine Philosophie . . . w) Erläuterungen zum Neuen Testament. I. Buch. III. 15) Briefe das Studium der Theologie betreffend. II. Teil. 26. Brief. 72

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