Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 70

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 2-3
Article
Aufklärung und Judenfrage
Date
1932-01-01
Page
Seite 70 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2259275-2259293-2259296-2261442--3787-2261470
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Hannah Arendt-Stern. Aufklärung und Judenfrage. Begriff von Geschichte allein greifen die Juden jetzt auf. Er ist auch für sie der Erklärungsgrund für ihre kulturelle Minderwertigkeit, für ihre Ungebildetheit, für ihre soziale Schädlichkeit und Unproduktivität. Geschichte wird für sie prinzipiell zur Geschichte des Fremden; sie ist Geschichte der Vorurteile, in denen die Menschen vor dem Zeitalter der Aufklärung befangen waren: Geschichte ist Geschichte der schlechten Vergangenheit oder der noch an Vorurteilen haftenden Gegenwart. Die Gegenwart von der Last und den Folgen dieser Geschichte zu befreien, wird zum Werk der Einbürgerung und Befreiung der Juden. So einfach und relativ problemlos ist die Situation der ersten Assimilationsgeneration. Mendelssohn war mit den Vorkämpfern der Einbürgerung, mit Dohm und Mirabeau, nicht nur gewissermaßen in allen theoretischen Fragen einer Meinung: er ist und bleibt für sie wie für die Juden Garant dafür, daß die Juden einer Verbesserung fähig und würdig sind, daß es genügen wird, für sie eine andere bürgerliche Situation zu schaffen, um aus ihnen sozial und kulturell produktive Glieder der bürgerlichen Gesellschaft zu machen. Die zweite Assimilationsgeneration (repräsentiert durch David Friedländer, den Schüler Mendelssohns) klammert sich noch an die Verderbnistheorie der Aufklärung9). Religiös nicht mehr gebunden wie Mendelssohn, versucht sie mit allen Mitteln, auf diesem ihren Bestrebungen so günstigen Boden Eintritt in die Gesellschaft zu erlangen. Sie hat sich schon so sehr der Blindheit der Aufklärung, der die Juden nur als Unterdrückte gelten, assimiliert, daß sie sich selber jede eigene Geschichte abspricht, daß alles, was ihr eigen ist, nur als Hemmung für ihre Einbürgerung, ihre Menschwerdung, gilt10). Sie übernimmt die Mendelssohn-Lessingsche Trennung von Vernunft und Geschichte zugunsten der Vernunft; ja sie versteigt sich in einer verschärften Uebernahme zu Blasphemien, zu denen Mendelssohn selbst nie gekommen wäre: „Will man den nachdenkenden redlichen Forscher etwa mit dem Einwurf in die Enge treiben: die menschliche Vernunft könne sich mit der göttlichen nicht messen . .? Dieser Einwurf kann ihn keinen Augenblick beunruhigen; denn selbst die Erkenntnis der Göttlichkeit dieses Glaubens und dieser Pflicht des Gehorsams gehört vor den Richterstuhl der menschlichen Vernunft." Friedländer dient die Trennung von Vernunft und Geschichte nicht mehr zur Rettung der jüdischen Religion, sie ist nur noch Mittel, sie so schnell wie möglich loszuwerden. Für Mendelssohn war die Freiheit noch die Freiheit der Bildung und die Möglichkeit, „Betrachtungen über sich selbst und seine Religion anzustellen". Jetzt ist die Betrachtung der jüdischen Religion eingestandenermaßen nur noch Mittel, „die politische 9) Vgl Friedländer, Sendschreiben einiger jüdischer Hausväter . ., S. 30 ff. 10) ebda. S. 39: „Der mächtigste Gewinn für die Juden ist auch wohl der, daß die Sehnsucht nach dem Messias und nach Jerusalem aus den Herzen sich immer mehr entfernt, so wie die Vernunft diese Erwartung als Chimäre immer mehr verwarf. Immer möglich, daß einzelne in Clausen verschlossene oder sonst von den Weltgeschäften sich entfernende Männer noch dergleichen Wünsche unterhalten in ihrem Gemüt; bei dem größten Teil der Juden wenigstens in Deutschland, Holland und Frankreich findet der Gedanke keine Nahrung mehr und wird endlich bis zur letzten Spur vertilgt werden." 70

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.