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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 69

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 2-3
Article
Aufklärung und Judenfrage
Date
1932-01-01
Page
Seite 69 (sequence 5)
Language
German
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Hannah Arendt-Stern. Aufklärung und Judenfrage. dische Religion, und sie sind es, die auch heute noch den Juden zur Religion seiner Väter verpflichten. Ständen sie nicht im Alten Testament, so wäre weder das Gesetz noch die geschichtliche Ueberlieferung bindend. Weil im Alten Testament nichts steht, was „mit der Vernunft streitet"6), nichts Widervernünftiges, ist der Jude auch an die außervernünftigen Vorschriften gebunden, an die aber ausdrücklich kein Nicht-Jude gebunden sein soll; denn sie sind das Scheidende zwischen den Menschen. Die ewigen Wahrheiten bilden die Grundlage der Toleranz: „In welcher glückseligen Welt würden wir leben, wenn alle Menschen die Wahrheit annähmen und ausübten, die die besten Christen und die besten Juden gemein haben"7). Geschichts¬ und Vernunftwahrheiten sind für Mendelssohn nur der Art nach verschieden, sie werden nicht verschiedenen Entwicklungsstufen der Menschheit zugerechnet. Die allen gemeinsame Vernunft ist allen Menschen zu allen Zeiten gleich zugänglich gewesen. Der Weg ist ein verschiedener; der der Juden schließt nicht nur die Anerkennung der jüdischen Religion, sondern die genaue Befolgung des Gesetzes in sich. Die Scheidung von Geschichte und Vernunft bezweckt bei Lessing die Eliminierung der Religion als Dogma; Mendelssohn versucht mit ihr gerade eine Rettung der jüdischen Religion, unabhängig von ihrem geschichtlichen Bezeugtsein, auf Grund ihres „ewigen Gehaltes". Das theologische Interesse, das hier die Geschichte aus der Vernunft ausscheidet, scheidet zugleich den Wahrheit suchenden Menschen aus der Geschiente aus. Allem Wirklichem: Umwelt, Mitmenschen, Geschichte fehlt die Legitimation der Vernunft. — Diese Eliminierung der Wirklichkeit hängt aufs engste zusammen mit der faktischen Stellung des Juden in der Welt. Die Welt ging ihn in einem solchen Maße nichts an, daß sie zu dem Unveränderlichen schlechthin wurde. Die neue Freiheit der Bildung, die Freiheit des Selbstdenkens und der Vernunft ändert daran nichts. Die geschichtliche Welt bleibt für den „gebildeten" Juden in derselben Gleichgültigkeit wie für den unterdrückten des Ghettos. Dieses Unverständnis der Juden für Geschichte, begründet in ihrem Schicksal der Geschichtslosigkeit, genährt von einer nur halb erfaßten und assimilierten Aufklärung, wird in einem Punkt von Dohms Emanzipationstheorie — deren Argumentation für die folgenden Jahrzehnte entscheidend bleibt — durchkreuzt. Die Juden sind zwar für Dohm (den ersten Schriftsteller, der sich in Deutschland systematisch der Juden annimmt) niemals das „Volk Gottes" oder auch nur das Volk des Alten Testaments. Sie sind Menschen wie alle anderen Menschen auch. Aber die Geschichte hat diese Menschen verdorben8). Diesen 6) Correspondenz mit dem Erbprinzen von Braunschweig-Wolfenbüttel. 1776. 7) Mendelssohn an Bonnet. 1770. Vgl. Moses Mendelssohns Ges. Schriften, Bd. VII, p. LXXXII ff. 8) Dohm, a.a.O. I, S. 45; II, S. 8: „Daß die Juden Menschen wie alle übrigen sind; daß sie also auch wie die übrigen behandelt werden müssen; daß nur eine durch Barbarei und Religionsvorurteile veranlaßte Drückung sie herabgewürdigt und verderbt habe; daß allein ein entgegengesetztes, der gesunden Vernunft und der Menschlichkeit gemäßes Verfahren sie zu bessern Menschen und Bürgern machen könne; . . dies sind so natürliche und einfache Wahrheiten, daß sie richtig verstehen und ihnen beistimmen beinahe eins ist." 69

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