Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aufklärung und Judenfrage
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Hamiah Arendt-Stern. Aufklärung und Judenfrage. des Menschlichen willen ist in der „Erziehung des Menschengeschlechts" wieder abgebogen. Mendelssohns Rezeption der Aufklärung, seine „Bildung" vollzieht sich noch innerhalb einer absoluten Gebundenheit an die jüdische Religion. Diese Gebundenheit gilt es ihm — etwa den Angriffen Lavaters gegenüber — zu verteidigen. Die Mittel zu dieser Verteidigung liefert ihm Lessings Trennung von Vernunft- und Geschichtswahrheiten. Gleichzeitig aber mit der Apologie des Judentums muß er die Möglichkeiten seiner „Bildung" behaupten: hierzu dient die in der Aufklärung behauptete absolute Autonomie der Vernunft. „Selbstdenkenden Köpfen", sagt Lessing, „ist es nun einmal gegeben, daß sie das ganze Gefilde der Gelehrsamkeit übersehen, und jeden Pfad desselben zu finden wissen, sobald es der Mühe verlohnt, ihn zu betreten"4). Dieses Selbstdenkenkönnen liegt dem Ideal der Bildung bei Mendelssohn zugrunde; die wahre Bildung nährt sich nicht aus der Geschichte und ihren Fakten, sondern macht diese gerade überflüssig. Herrschend ist die Autorität der Vernunft, zu der jeder allein und von sich aus kommen kann. Der denkende Mensch lebt in einer absoluten Isolierung: unabhängig von allen andern findet er die Wahrheit, die eigentlich allen gemeinsam sein müßte. „Jeder geht das Leben hindurch seinen eigenen Weg.___Aber daß auch das Ganze der Menschheit hienieden in der Folge der Zeiten immer vorwärts rücken und sich vervollkommnen soll, dieses scheint mir der Zweck der Vorsehung nicht gewesen zu sein." Die Vernunft wird bei Mendelssohn noch unabhängiger von der Geschichte, sie hat keinerlei Rückverankerung in ihr; ausdrücklich wendet er sich gegen Lessings Geschichtsphilosophie, die „Erziehung des Menschengeschlechts, die sich mein verewigter Freund Lessing von ich weiß nicht welchem Geschichtsforscher der Menschheit hat einbilden lassen"5). Kenntnis der Geschichte ist für Mendelssohns Bildung noch nicht nötig; sie ist nichts als Befreiung zum Denken. Er ist von Haus aus keinem Gegenstand der fremden Kulturwelt verpflichtet; und er braucht in der herrschenden geistigen Atmosphäre dieses Im-Nichts-stehen nicht zu entdecken. Wie Mendelssohn in der Uebernahme der autonomen Vernunft diese allein auf das Selbst-denken-können und auf die Unabhängigkeit von allen Fakten zuspitzte (während dieselbe Vernunft bei Lessing nur ein Weg war zur Entdeckung des Menschlichen), so erfährt auch die Theorie der Trennung von Vernunft- und Geschichtswahrheiten eine Umbiegung: sie wird von Mendelssohn zur Apologie des Judentums benutzt und dogmatisiert. Die jüdische Religion und nur sie ist für Mendelssohn mit der vernünftigen identisch, und zwar um ihrer „ewigen Wahrheiten" willen, die allein auch religiös verpflichten. Denn die Geschichtswahrheiten des Judentums — so führt Mendelssohn aus — hatten nur solange Geltung, als die mosaische Religion die Religion einer Nation war, was jetzt nach der Zerstörung des Tempels nicht mehr der Fall ist. Nur die „ewigen Wahrheiten" sind von aller Schrift unabhängig, jederzeit einsehbar; auf ihnen ruht die jü- Lessing, Theolog. Streitschriften. Anti-Goeze. IX. 5) Jerusalem. 68