Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aufklärung und Judenfrage
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2259275-2259293-2259296-2261442--3784-2261467- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hannah Arendt-Stern. Aufklärung und Judenfrage. ist innerhalb seines Glaubens unangreifbar, weil dieser Glaube sich auf die reine Innerlichkeit stützt. „Was gehen den Christen dieses Mannes Erklärungen, Hypothesen und Beweise an? Ihm ist es doch einmal da, das Christentum, welches er so wahr, in welchem er sich so selig fühlet." Aber in der Betonung dieser unangreifbaren Innerlichkeit liegt schon das Mißtrauen der Aufklärung gegen die Bibel; die reine Innerlichkeit wird betont, weil die Objektivität der Offenbarung in der Schrift nicht mehr feststeht. Die Trennung von Religion und Bibel ist die letzte vergebliche Rettung der Religion; vergeblich: denn diese Trennung zertrümmert die Autorität der Bibel und damit die sichtbare und wißbare Autorität Gottes auf Erden. „Die Religion ist nicht wahr, weil die Evangelisten und Apostel sie lehrten: sondern sie lehrten sie, weil sie wahr ist." Ist die Wahrheit der Religion früher als die der Bibel, so ist sie nicht mehr objektiv sicher, sondern muß gesucht werden. Die aufgeklärte Uebernahme der pietistischen Religiosität zerstört zugleich den Pietismus. Neu ist nicht die Betonung der Innerlichkeit, sondern, daß sie ausgespielt wird gegen die Objektivität. Die Geschichte taucht also bei Lessing in zwei heterogenen Zusammenhängen auf. Geschichte ist erstens das ewige Suchen nach der Wahrheit: sie setzt erst ein mit der Mündigkeit des Menschen, hat dann aber einen unendlichen Horizont vor sich. Geschichte ist zweitens Erzieherin des Menschengeschlechts, macht sich selbst als solche überflüssig und findet mit der Mündigkeit des Menschen gerade ihr Ende. Die erste Geschichtsvorstellung erlaubt dem Menschen, wenn er zum Bewußtsein seiner Vernunft gekommen ist, ganz von vorne anzufangen und eine Geschichte zu gründen. Dies ist der Gedanke, der in der Mendelssohnschen Rezeption allein maßgebend bleibt. Bei Lessing aber harte diese neu zu gründende Geschichte durchaus eine Verankerung in der Vergangenheit. Die von der Autorität beherrschte Vergangenheit ist ja Erzieherin. Die Mündigkeit des Menschen ist erst geworden; geworden in einer Erziehung, die Gott dem Menschen zuteil werden ließ. Ist diese Mündigkeit erreicht, so beginnt des Menschen zweite Geschichte, die im Unterschied zur ersten zwar nicht auf jedes Ziel verzichtet, aber dieses in die Unendlichkeit des Zeitlichen überhaupt verschiebt: die Wahrheit ist das in steigernder Vollkommenheit nur approximativ zu erreichende Ziel. Diese Geschichtstheorie weist eine grundsätzlich andere Struktur auf als die in der „Erziehung des Menschengeschlechts" vorgetragene. Sie ist keineswegs eine Säkularisierung des Christentums — schon deshalb nicht, weil die Wahrheit doch nur für Gott bestimmt ist3) —, sondern zielt von vornherein nur auf den Menschen ab; sie rückt die Wahrheit so weit wie nur möglich in die Ferne, weil sie eigentlich das Irdische des Menschen nichts angeht. Ihr Besitz stört nur die Entfaltung aller Möglichkeiten des Menschen, verhindert die Duldung, die dafür notwendig ist, sie wendet nur den Blick ab vom Menschlichen: die Wahrheit geht nur Gott etwas an, für den Menschen ist sie nicht wichtig. Diese ausschließliche und vorbehaltlose Bejahung des ewig Unabgeschlossenen und Fragmentarischen alles Menschlichen nur um s) VgL Theolog. Streitschriften. Eine Duplik. I. i* 67