Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aufklärung und Judenfrage
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hannah Arendt-Stern. Aufklärung und Judenfrage. und seine Geschichte, die eine Geschichte des Suchens ist, einen eigenständigen Sinn. Er ist nicht mehr nur Verwalter eines Gutes und seine Bedeutung von diesem Besitz abhängig; suchend kann er diesen Besitz, der kein objektives Heilsgut ist, bestätigen. Wird in der Nachforschung der Wahrheit, im „Sicherweitern der Kräfte" das allein Gehaltvolle gesehen, so sind schließlich alle Konfessionen für den Toleranten, und das heißt für den wahrhaft Menschlichen, nur verschiedene Benennungen desselben Menschen. Die Geschichte hat keine beweisende Kraft für die Vernunft. Geschichtswahrheiten sind zufällig, Vernunftwahrheiten notwendig, und die Zufälligkeit trennt von der Notwendigkeit „ein garstiger breiter Graben", über den zu springen eine "ji.s-aßaai<; sie; äWo ^svoc;" bedeutet. GeschichtsWahrheiten sind eigentlich nicht wahr, und seien sie noch so gut bezeugt, weil sowohl ihre Faktizität wie ihre Bezeugung stets zufällig sind: auch die Bezeugung ist noch geschichtlich. Nur sofern Geschichtswahrheiten die Vernunftwahrheit bestätigen, sind sie „wahr", d.h. allgemein überzeugend und verbindlich. So ist es die Vernunft, die über die Notwendigkeit einer Offenbarung und damit über die Geschichte zu entscheiden hat2). Die Zufälligkeit der Geschichte kann nachträglich durch Vernunft geadelt werden; nachträglich entscheidet die Vernunft, daß die geoffenbarte Geschichte mit der Vernunft identisch ist. Die geoffenbarte Geschichte fungiert als Erzieherin des Menschengeschlechts. Am Ende dieser Erziehung, die wir als Geschichte erleben, steht die Zeit „eines neuen ewigen Evangeliums", die jede Erziehung überflüssig macht. Am Ende der Geschichte steht ihre Auflösung; am Ende wird das immer noch relativ Zufällige in das absolut Notwendige verwandelt. „Erziehung gibt dem Menschen nichts, was er nicht auch aus sich selbst haben könnte"; sie führt ihn nur zu jener Vollkommenheit, die eigentlich schon in ihm liegt. Die Geschichte entwickelt die Vernunft zu ihrer Eigenständigkeit, weil die Offenbarung die Vernunft schon in sich schloß. Die Mündigkeit des Menschen ist das Ziel der göttlichen Offenbarung wie der menschlichen Geschichte. Als Erzieherin hat die Geschichte eine Bedeutung, die selbst der Vernunft nicht restlos zugänglich ist. Die Vernunft kann nur ihr Daß bestätigen, muß aber dann gerade ihr Wie wieder freigeben als nicht in ihrer Kompetenz stehend. „Aber wenn eine Offenbarung sein kann und eine sein muß . . ., so muß es der Vernunft eher noch ein Beweis mehr für die Wahrheit derselben als ein Einwurf dawider sein, wenn sie Dinge darin findet, die ihren Begriff übersteigen." Aus diesen Worten geht keine neue Anerkennung der göttlichen Autorität hervor. Sie sind zusammen zu sehen mit der theologischen Hauptthese Lessings, daß die Religion früher und unabhängig von der Schrift sei. Nicht Wahrheit als These, als Dogma oder objektives Heilsgut, sondern die Religiosität ist das Wesentliche. Dies scheint auf den ersten Blick nichts als eine aufgeklärte Uebernahme des Pietismus. Die „Fragmente eines Ungenannten" können nur den Theologen verwirren, nicht den Christen, denn der Christ 2) Vgl. Zur Geschichte und Literatur. Aus dem 4. Beitrage. Ein Mehreres aus den Papieren des Ungenannten, die Offenbarung betreffend. 66