Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aufklärung und Judenfrage
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 1)
- Language
- German
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Aufklärung und Judenfrage Von Hannah Arendt-Stern Die moderne Judenfrage datiert aus der Aufklärung; die Aufklärung, d.h. die nichtjüdische Welt hat sie gestellt. Ihre Formulierungen und ihre Antworten haben das Verhalten der Juden, haben die Assimilation der Juden bestimmt. Seit Mendelssohns wirklicher Assimiliertheit und seit Dohms Werk „lieber die bürgerliche Verbesserung der Juden" (1781) tauchen in der Diskussion über die Emanzipation immer wieder die gleichen Argumente auf, die in Lessing ihren Kronzeugen haben. Ihm verdankt sie die Propagierung von Menschlichkeit und Toleranz wie die Trennung von Vernunft- und Geschichtswahrheiten. Diese Trennung ist deshalb so überaus wichtig, weil sie die innerhalb der Geschichte zufällige Assimilation legitimieren kann; sie braucht dann nur als fortschreitende Einsicht in die Wahrheit, nicht als Angleichung und Rezeption einer bestimmten Kultur in einem bestimmten und damit zufälligen Geschichtsstadium zu erscheinen. Für Lessing ist die allen gemeinsame Vernunft das Fundament der Menschlichkeit. Sie verbindet als Menschlichstes Saladin mit Nathan und dem Tempelherrn. Sie allein ist die echte Verbindung von Mensch zu Mensch. Aus der Betonung des Menschlichen, das auf dem Vernünftigen basiert, erwächst das Ideal und die Forderung der Toleranz. Daß in allen Menschen, nur unter der Verschiedenheit der dogmatischen Ueberzeugungen, der Sitten und des Gebahrens versteckt, immer derselbe Mensch steckt, diese Ehrfurcht vor allem, was Menschenantlitz trägt, ist nie allein aus der allgemeinen Geltung der Vernunft als bloßer formaler Qualität herzuleiten; vielmehr steht der Toleranzgedanke in engster Verbindung mit dem Lessingschen Wahrheitsbegriff, der seinerseits erst wieder aus seinen geschichtsphilosophischen und theologischen Gedankengängen verständlich wird. Die Wahrheit geht in der Aufklärung verloren, mehr: man will sie nicht mehr. Wichtiger als die Wahrheit ist der Mensch, der sie sucht. „Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgend ein Mensch ist, . . . sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen"1). Der Mensch wird wichtiger als die Wahrheit, die relativiert wird zugunsten des „Werts des Menschen". In der Toleranz ist dieses Menschliche entdeckt. Die Allherrschaft der Vernunft ist eine Allherrschaft des Menschlichen, des Humanen. Weil dieses Menschliche wichtiger ist als aller „Besitz der Wahrheit", gibt der Vater in der Fabel von den drei Ringen jedem Sohn einen Ring, ohne zu sagen, welcher der echte sei, so daß damit der echte verloren ist. Die Wahrheit als religiöse Offenbarung ist von der deutschen Aufklärung, wie sie in Lessing repräsentiert ist, nicht einfach verloren, sondern der Verlust ist positiviert zur Entdeckung des Reinmenschlichen. Im Streben nach dem Echten bekommt der Mensch x) Theologische Streitschriften. Eine Duplik. 1 65