Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 1
- Article
- Beitrag zur Geschichte der Juden in Oberhessen von ihrer frühesten Erwähnung bis zur Emanzipation
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 18)
- Language
- German
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Rosy Bodenheimer. Beitrag: zur Geschichte der Juden in Oberhessen 7. Religionsübung. Es war zu erwarten, daß der leidenschaftliche Judenhaß, in den Luther im Gegensatz zu den Stimmungen seiner Jugend in seinem Alter verfallen war, nicht ohne Wirkung bleiben würde. In allen Judenordnungen für Hessen - Darmstadt leben die Vorstellungen weiter, die Luther so gepeinigt, von den hohnlachenden Juden, die in ihren Synagogen „Christum und uns beliegen, lesteren, fluchen, anspeien und sehenden" 101), von der Abgötterei des Talmud und der Fluchwürdigkeit des Wuchers. Luther hatte den Christen einen Rat gegeben, was mit diesem „verworffen, verdampten Volck der Juden" zu tun sei. Man solle ihre Synagogen verbrennen, ihre Häuser zerstören, ihre Talmudexemplare und Gebetbücher abnehmen, ihnen den Wucher verbieten. Wenn das alles erfolglos bliebe, dann sollten sie die christlichen Machthaber gleich tollwütigen Hunden aus ihren Ländern weisen. Eine andere Stellung zur Judenfrage nimmt der Reformator Butzer ein, der, wie wir sahen, bei der Abfassung der Philippschen Judenordnung seinen Einfluß geltend macht. Frick102) feiert ihn als den einzigen von den Vätern des Protestantismus, in dem „der Missionssinn wirklich aktuell". Auf Butzers Einfluß geht jene Bestimmung der Judenordnung zurück, daß sie die Predigten, die man zu ihrer Bekehrung ansetzte, mit Weibern und Kindern anhören sollten103). Zwischen diesen beiden Polen, zwischen der Bedrängung der Juden und ihrer Bekehrung, zwischen Luther und Butzer, hat die Politik der Landgrafen durch Generationen hindurch gependelt Die Juden haben alles über sich ergehen lassen und sind, so demütig und unterwürfig sie in allen anderen Dingen waren, wie die Klagen über ihre Verstocktheit beweisen, durch keine Drohung und keine Verheißung von ihrer Religion abzubringen gewesen. Nun hat man zwar den Juden ihre Synagogen nicht verbrannt, ihnen aber immer wieder verboten, neue zu bauen. Der Kampf gegen den Talmud geht bis ins 19. Jahrhundert hinein. War er den frommen Landgrafen ein „gottloses gediente", so ist er dem Aufklärer du Thil ein „confuses, mit Mißgeburten regelloser Phantasie durchwehtes Chaos". Schließlich waren die Juden zufrieden, als man ihnen 1695 gestattete, an ihren Sabbaten und Festtagen ohne Form einer Synagoge in einem von offener Straße entlegenen Gemach aus ihren Privathäusern zusammenzukommen und ihr Gebet in der Stille zu verrichten104). Das Gebet mußte in einer verschlossenen Stube, bei 101) Dr. Martin Luthers Werke, Kritische Gesamtausgabe, 53. Bd., S. 417, Weimar 1920. „Von den Juden und ihren Lügen". 102) H. Frick, Die evangelische Mission, S. 41. Bonn u. Leipzig 1922. 103) Schon das Konzil zu Basel von 1434 hatte solche Predigten zur Judenbekehrung eingeführt. Butzer, der selbst einmal Dominikaner gewesen, setzte hier nur eine Tradition des Katholizismus fort. Noch 1643 kann der Gießener Superintendent Haberkorn für Judenbekehrungen nur katholische Beispiele anführen: „Daß andere Herrschaften dergleichen nicht sollen thun, ist falsch, und kann das Contrarium erwiesen werden mit Spanien, Wien, Rom." ™) Hess. Staatsarch. XI, 2. Konv. 4, fol. 20 ff. (Gutachten du Thil.) 28