Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 1
- Article
- Beitrag zur Geschichte der Juden in Oberhessen von ihrer frühesten Erwähnung bis zur Emanzipation
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 17)
- Language
- German
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Rosy Bodenheimer. Beitrag zw Geschichte der Juden in Oberhessen eines Oberhessen an, in seiner ganzen Provinz lebten keine 100 wohlhabenden Juden, während ihre Seelenzahl sich auf über 5000 belaufe. Es war hohe Zeit, als durch die politische Gleichberechtigung des Jahres 1848 alle Sonderlasten und Beschränkungen auch für diesen Teil der Judenschaft fielen, daß mit der bürgerlichen Freiheit endlich auch ihrer wirtschaftlichen Verelendung Grenzen gesetzt werden. Wenn wir uns bei der Beurteilung der Funktion der oberhessischen Juden im Wirtschaftsleben der Landschaft fern halten von den Wertungen der damaligen protestantischen Theologie, die in ehrlicher Frömmigkeit des kanonische Zinsverbot einer Welt aufpfropfen wollte, für die es nicht paßte, wenn wir ebenso die Schmähungen der Zünfte, deren Motiv nur allzu durchsichtig ist, auf ein gerechtes Maß reduzieren, dann kommen wir zu der Ueberzeugung, daß die Juden jener Jahrhunderte eine ganz bestimmte ökonomische Aufgabe erfüllten, die notwendig war, und die nur sie leisten konnten. Kreditbedürfnis hat durch die ganze Epoche hindurch bestanden, und es liegen Zeugnisse vor, daß weite Kreise der Bevölkerung die prompte Hilfe der Juden wohl zu schätzen wußten. Wenn sie immer wieder versuchten, die starren Zunftvorschriften zu umgehen, die den Privilegierten ihr Brot doch schließlich nur auf Kosten der Konsumenten garantierten, so könnte man sie ebensogut wie „Blasphemanten und Lästermäuler" auch Bahnbrecher einer moderneren Wirtschaftsordnung nennen. Außerordentlich drückend waren auch die Zunftprivilegien, wenn ein Bürger zu Notverkäufen gezwungen war. Auf ihr Gravamen hin will die Regierung den Zünften im Jahre 1662 zwar ein gewisses Vorkaufsrecht zugestehen, sie gewährt ihnen jedoch kein ausschließendes Kaufmonopol, wie sie es gewünscht hatten. „Alles zu dem Endt, damit auch der arme Bürgersmann, so bisweilen etwas zu verkaufen hat, undt oft im Nahmen der Zünfte damit aufgehalten oder zu geringem Verkauf gezwungen werden will, wider Gebühr nicht beschwert werde100). Die Juden waren also auch hier das Ventil für die von den Zünften unter Druck gehaltene Wirtschaft Wenn schließlich ihre außerterritorialen Beziehungen zu den Judenschaften anderer deutscher Länder geschmäht werden, so darf man doch schließlich nicht vergessen, daß es eben diese Beziehungen waren, die dem verschuldeten Landgrafen eine Anleihe verschafften, die er anderswo schwerlich bekommen hätte. Im 18. Jahrhundert freilich sinken dann die Juden so tief herab, daß sie nur noch für den Viehhandel eine wirtschaftliche Bedeutung haben. Es war schließlich nicht ihre Schuld, daß sie bei ihrer übergroßen Anzahl, unter dem Drucke härtester Abgaben, auf wenige Berufe beschränkt, immer mehr verkamen. Erst die politische Gleichberechtigung hat dieser traurigen Entwicklung Einhalt getan. 10°) Hess. Staatsarch. XI, 3. Konv. 17 (Vertreibung aus den Städten). 27